Boorberg Verlag

Zukünftige Stellung und Aufgabenbereiche der Fachkraft für Arbeitssicherheit

21.10.2011

Zukünftige Stellung und Aufgabenbereiche der Fachkraft für Arbeitssicherheit

In der hochkarätig besetzten Fachveranstaltung "Quo vadis Sifa?" wurden neue Entwicklungen in der Arbeitssicherheit und die zukünftige Ausrichtung von Fachkräften für Arbeitssicherheit vorgestellt (vgl. auch Sicherheitsmelder: Zukünftige Perspektiven der Fachkraft für Arbeitssicherheit [Michael Sigesmund] vom 31.8.2011).

Einheitlich hohes EU-weites Schutzniveau

Dr. Ralf Brauksiepe, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) brachte dazu die EU-Perspektive ein. Die Ziele in der EU sind hochgesetzt. So sollen EU-weit die Unfallzahlen um 25% gesenkt und bis zum Jahr 2020 in allen EU-Statten ein einheitlich hohes Schutzniveau erreicht werden. Maßnahmen gegen arbeitsbedingte Erkrankungen werden forciert, im Fokus stehen Muskel- und Skeletterkrankungen unter denen ein Viertel aller Arbeitnehmer leiden und der Stress am Arbeitsplatz, durch den Krankheitskosten verursacht werden, die durchschnittlich 4% des Bruttoinlandprodukts eines Staates ausmachen.

Strategischer Arbeitsschutz

Es besteht Handlungsbedarf zur Verbesserung dieser Situation, wenn man nicht auf neue Gesetze, sondern auf einen strategischen Arbeitsschutz auf nationaler Ebene setzt. Unter strategischem Arbeitsschutz versteht man Deregulierung, Abschaffung von Detailregelungen und Verpflichtung zur Übernahme von Eigenverantwortung bei den Unternehmen einerseits und stärkere Kontrolle durch die staatlichen Aufsichtsbehörden andererseits.
Dazu führte Elke Lins, Referentin beim Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales, (MAIS NRW), mit Hinweis auf den ENVIO-Skandal in Dortmund aus, dass im vergangenen Jahr 8000 unangekündigte Kontrollen stattgefunden haben, die nur zu 50% ohne Beanstandungen führten, 20% sogar zu gravierenden Mängeln.
Gerhard Strothotte erläuterte dazu die neue DGUV Vorschrift 2 "Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit" von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Die neue Vorschrift räumt den Betrieben die eigenverantwortliche Ermittlung von Inhalt und Umfang des Arbeitsschutz- und Gesundheitsschutz-Leistungskatalogs ein.

Neue Ausbildung

Im Kontext zu dieser Entwicklung ist die neue Sifa-Ausbildung zu sehen, die von Wieland Wettberg, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), vorgestellt wurde. Das Ausbildungsmodell steht, die Umsetzung wird geplant, so dass bis 2014 mit der Einführung zu rechnen ist.
Für den Verband Deutscher Sicherheitsingenieure e.V. (VDSI), vertreten durch Dr. Klaus Große, ist der Arbeitsschutz seit einigen Jahren im Umbruch. Letzter Höhepunkt dieser Entwicklung ist die neue DGUV Vorschrift 2 - Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit. Aber bereits zuvor zeigten sich Entwicklungen, die unter den Begriffen "Deregulierung" und "Paradigmenwechsel" (Formulierung von Schutzzielen statt konkreter Detailvorschriften) genannt werden können und/oder von Einflüssen über die europäische Gesetzgebung geprägt werden.

Manager für Sicherheit und Gesundheit

All dies zusammengefasst hat Einfluss auf das Rollenverständnis der Fachkräfte für Arbeitssicherheit (und Betriebsärzte). Die Nutzenargumentation wird immer mehr in den Vordergrund gerückt, die Daseinsnotwendigkeit aufgrund einer gesetzlichen Vorschrift verliert zusehends an Bedeutung. Das Profil geht von der reinen "Fachkraft" weg zum "Manager für Sicherheit und Gesundheit".
Eine Perspektive, die sinngemäß von Dr. Ulrich Winterfeld, ehemaliger Projektleiter und Initiator der Langzeitstudie über die Wirksamkeit der Sifa-Tätigkeit, bestätigt wurde. Nur kommunikativ und kooperativ eingestellte Sifas, die von ihrer Mission überzeugt sind und vom Management unterstützt werden, haben eine Chance, Arbeitsschutz und Gesundheitsschutz im Betrieb wirkungsvoll umzusetzen.

Ganzheitliche Umsetzung der Sicherheit im Unternehmen

Die Sichtweise der International Security Academy (ISA) geht noch darüber hinaus. Sicherheit im Unternehmen ist ganzheitlich für alle Ressorts, nicht nur für den Arbeits- und Gesundheitsschutz sondern auch für den Objektschutz, den Umweltschutz, den Brandschutz u.a. Bereiche koordiniert umzusetzen. Nur so sind Risiken wirtschaftlich und effizient zu reduzieren.
Die ISA-Umfrage zu den "Sifa-Zusatzaufgaben" und zahlreichen Sifa-Tätigkeitsprofilen hat belegt, dass es die Sifa alter Schule in Stabsfunktion nur noch selten gibt. Sie hat durchschnittlich drei Zusatzaufgaben und ist als "Einzelkämpfer" oft überlastet oder längst bereits zum Manager geworden. Dabei ist die Kombination mit anderen Aufgaben in der Linie z.B. Produktion, Arbeitsvorbereitung, Qualitätsmanagement, Umweltschutz o.a. durchaus üblich. "Es ist an der Zeit", so der ISA-Vorstand, "im Rahmen der neuen Entwicklungen in der EU, in Deutschland insbesondere auch bei den Unfallversicherungsträgern, über sinnvolle Varianten der Sifa-Position in Unternehmen nachzudenken".
Die kritische Betrachtung der Gesamtsituation und Darstellung der Problemfelder aus Sicht der Hochschule von Professor Dr. Dr. Bernd-Jürgen Vorath rundete die Bewertungen ab.

Praxishinweise

  • Die zukünftige Ausrichtung von Fachkräften für Arbeitssicherheit wird sich nicht allein auf Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz beschränken. Angedacht ist ganzheitliche Sicherheit für alle Ressorts im Unternehmen.
  • In allen EU-Staaten soll ein einheitlich hohes Schutzniveau bis 2020 erreicht werden.
  • Ungelöste rechtliche Probleme machen eine Folgeveranstaltung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Dortmund, und der International Security Academy (ISA) 2012 notwendig.

Autor: Michael Sigesmund

Neue Entwicklungen in der Arbeitssicherheit und die zukünftige Ausrichtung von Fachkräften für Arbeitssicherheit wurden in der bundesweit beachteten Fachveranstaltung "Quo vadis Sifa?" im Oktober vorgestellt. Einheitlich hohes, EU-weites Schutzniveau, strategischer Arbeitsschutz und die Einführung einer neuen Ausbildung der Fachkraft für Arbeitssicherheit zeichnen sich ab, auch mit der Übernahme weiterer Sicherheitsaufgaben und Managementfunktionen.

Sachbereich: A1 Aktuelles und Grundlagen - Sicherheit im Wandel der Gesellschaft

Schlagwörter: Fachkraft für Arbeitssicherheit, Sifa


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