Boorberg Verlag

Trade-off in Krisenregionen: Der schmale Grat zwischen Chance und Risiko

15.01.2015

Es ist ein immerwährendes Bild, welches die westlichen Nachrichtenmedien dominiert: Mit Sturmhauben maskierte Milizen, vom Kugelhagel durchsiebte Straßenzüge, entsetzliche Wut und tiefe Verzweiflung. Ob der anhaltend brüchige Frieden in der Ost-Ukraine oder der Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) in Irak und Syrien: Die Gefahr, welchen Mitarbeiter in Krisenregionen ausgesetzt sind, scheint offensichtlich.

Spannungsverhältnis zwischen Erfolg und Sicherheit

Allerdings sind viele Unternehmen auf den dortigen Markt angewiesen: Derzeit sind etwa 400 deutsche Firmen in der Ukraine tätig. Bisher galt sie für zahlreiche Branchen als zukunftsträchtiger Absatzmarkt, doch müssen aufgrund der jüngsten Entwicklungen viele Unternehmensziele in Frage gestellt werden. Um trotz des bestehenden Risikos weiterhin die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit in Krisenregionen wie jenen der Ukraine zu bewahren, sieht sich das Management betroffener Unternehmen großen Herausforderungen gegenüber: Wie lässt sich das kritische Spannungsverhältnis zwischen unternehmerischem Erfolg und personeller Sicherheit überwinden?

Der Lösungsansatz liegt dabei auf einem schmalen Grat zwischen Chance und Risiko, der nur durch eine fundierte Trade-off-Entscheidung gemeistert werden kann. Diese basiert dabei auf drei grundlegenden Dimensionen, welche in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander stehen. Dabei obliegt es der Aufgabe des Managements, diese im Einzelfall zu bewerten und in ein gesundes Gleichgewicht zu bringen.

Risikopotenzial minimieren

Effektivität, Effizienz und Angemessenheit sind die drei Eckpfeiler, die über die Qualität eines Schutzkonzeptes entscheiden.

  • Die erste zu betrachtende Dimension ist die Effektivität der ergriffenen Schutzmaßnahmen: Sie lässt sich allgemein als Wirksamkeit beschreiben und wird durch das Verhältnis zwischen der gewünschten und der tatsächlichen Schutzwirkung dargestellt.
  • Die zweite Dimension, die Effizienz, spiegelt die Wirtschaftlichkeit des Schutzkonzeptes wider und ergibt sich aus dem erforderlichen Ressourcenbedarf einerseits und dem erzielten Nutzen andererseits. Insbesondere aus betriebswirtschaftlicher Perspektive werden hier unternehmerische Grenzen gesetzt.
  • Das dritte Standbein bildet schließlich die Angemessenheit der ergriffenen Maßnahmen, von welcher die Verhältnismäßigkeit im engeren Sinne abhängig ist. Wer sprichwörtlich mit Kanonen auf Spatzen schießt, kann auch in diesem Kontext keinesfalls von einem geeigneten Schutzkonzept sprechen. Eine Abwägung zwischen unternehmerischen Vorteilen und persönlichen Nachteilen ist grundlegend für die Bewertung dieser Dimension.

Nur wenn diese optimal aufeinander abgestimmt sind, lässt sich das Risikopotenzial einer Unternehmung in Krisengebieten minimieren.

 

Sicherheitsmanagement als Business Enabler

Wie ein Damokles-Schwert schwebt die verbleibende Risikoexposition dabei über der Unternehmung und entscheidet schließlich darüber, ob diese mit der Risikobereitschaft des Unternehmens vereinbar ist. Der Mehrwert eines solchen Ansatzes liegt auf der Hand: Durch einen fundierten Trade-off zwischen den genannten Dimensionen kann das Risiko für Mitarbeiter in Krisenregionen gezielt reduziert werden, um unter Berücksichtigung der individuellen Risikotoleranz auch dort wirtschaftliche Erfolge generieren zu können.

Das Sicherheitsmanagement wird so zum Business Enabler und kann einen nachhaltigen Mehrwert für Unternehmen und Mitarbeiter generieren. Doch was tun, wenn aufgrund wirtschaftlicher Grenzen oder persönlicher Präferenzen kein angemessener Trade-off möglich ist? Dann kann es aus Sicht des Sicherheitsmanagements nur eine Entscheidung geben: Wenn kein angemessenes Gleichgewicht zwischen Risiko und Chance geschaffen werden kann, ist eine wirtschaftliche Unternehmung schlichtweg nicht vertretbar.

 

Quelle:

Talbot, Julian/Miles, Jakeman (2009). Security Risk Management. Body of Knowledge. Hoboken: John Wiley & Sons, Inc.

Autor: Weller, Manuel

Anlass: Steigende Anforderungen an das Travel Security Management

Extreme Situationen verunsichern nicht nur deutsche Firmen, sondern auch deren Geschäftsreisende und Expatriates. Das führt unweigerlich zu einer der bedeutendsten Fragen, welche sich das Sicherheitsmanagement in der Praxis stellen muss: Wie lässt sich ein gesundes Gleichgewicht zwischen dem Sicherheitsbedürfnis der Mitarbeiter einerseits und den wirtschaftlichen Interessen des Unternehmens andererseits schaffen?

Sachbereich: A2 Aktuelles und Grundlagen - Sicherheitsrisiken/Bedrohungen

Schlagwörter: Reisesicherheit, Trade-Off, Sicherheitsmanagement, Krise

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