Boorberg Verlag

PKS 2014 – Zahlen und deren Interpretationsspielraum

19.05.2015

Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2014 im Überblick

2014 hat die Polizei über sechs Millionen Straftaten registriert (2014: 6.082.064 gegenüber 5.961.661 zum Vorjahr). Auch die Zahl der Tatverdächtigen ist mit 2.149.504 gegenüber 2013 um +2,6% gestiegen, wobei rund ein Viertel der Tatverdächtigen (26,3%) Mehrfachtatverdächtige sind, d.h., sie wurden mindestens zweimal erfasst. Ein Ansteigen der erfassten Delikte wurde in folgenden Bereichen verzeichnet: Diebstahl (+2,4% zum Vorjahr auf 2.440.060 Fälle), Straßenkriminalität (+2,5% gegenüber 2013 auf 1.342.905 Fälle), Rauschgiftdelikte (+9,2% gegenüber 2013 auf 276.734 Fälle), Betrugsdelikte (+3,3% zum Vorjahr auf 968.866 Fälle) und ausländerrechtliche Straftaten (+41,5% gegenüber dem Vorjahr auf 156.396 Fälle).

Wohnungseinbruchsdiebstähle gestiegen…

Besonders populär wurde in den vergangenen Wochen bereits das Problem der Wohnungseinbruchsdiebstähle diskutiert. Diese sind auf 152.123 Fälle gestiegen und damit so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr. Der gemessene Anstieg seit 2009 zeigt sich mit etwa 40 Prozent besonders drastisch. Auch der noch recht junge Bereich der registrierten Straftaten gegen Polizei-, Vollstreckungsbeamte, Rettungsdienst- und Feuerwehrkräfte liegt mit insgesamt 66.386 Fällen sehr hoch. Davon richten sich 62.770 Straftaten (+7,0%) gegen Polizeibeamte. Die Zahl der dabei verletzten und registrierten Polizisten und Polizistinnen ist auf 17.472 ebenfalls zum Vorjahr angestiegen, insbesondere gefährliche und schwere Körperverletzung um +14,4%.

…Gewaltkriminalität ging zurück

Rückgänge der registrierten Straftaten wurden im Berichtsjahr 2014 u.a. bei folgenden Deliktbereichen verzeichnet: Gewaltkriminalität (-2,1% auf 180.955 Fälle), sexueller Missbrauch von Kindern (-2,4% auf 12.134 Fälle), Sachbeschädigung (-3,3% auf 601.112 Fälle), Kfz-Diebstahl (-2,8% auf 36.388 Fälle) und Straftaten gegen das Waffengesetz (-2,1% auf 30.785 Fälle).

Tatsächlicher Aussagegehalt der PKS

Das BKA erstellt aus den Jahresstatistiken der LKÄ die bundesweiten PKS zusammen. Dabei handelt es sich um eine "Ausgangsstatistik", d. h., die bekannt gewordenen, sprich zur Anzeige gebrachten Straftaten werden erst nach Abschluss der polizeilichen Ermittlungen vor Aktenabgabe an die Staatsanwaltschaft oder das Gericht erfasst. Demnach enthalten Jahresstatistiken zum Teil auch im Vorjahr angezeigte Delikte, während ein Teil der im aktuellen Jahr bekannt gewordenen Fälle erst im Folgejahr in die Statistik eingeht. Somit ist das Berichtsjahr nicht zwangsläufig auch das Kalenderjahr, und die Aktualität ist insbesondere durch Straftaten mit langer Ermittlungsdauer gemindert.

Die genauen Details der Erfassungsprozedur sind je nach Land unterschiedlich. Die Erfassung der Daten erfolgt nach bestimmten "Regeln für die Fallerfassung" und orientiert sich an einem unter teils strafrechtlichen, teils kriminologischen Aspekten aufgebauten "Straftatenkatalog", der seit 1971 mehrfach ergänzt und erweitert worden ist. Dabei deckt sich der dem Straftatenkatalog zu entnehmende Straftatenschlüssel nicht immer mit den entsprechenden Strafrechtsbestimmungen, auf den er bezogen wird.

Interpretation als Politikum

Vor allem zwei Werte bestimmen regionale Pressemeldungen, ob ein Landstrich als „sicher“ gilt: nämlich der absolute Wert registrierter Straftaten einerseits und die Aufklärungsquote andererseits. Aufgeklärt bedeutet dabei, dass nach polizeilicher Einschätzung ein Tatverdächtiger mit hinreichendem Tatverdacht ermittelt wurde. Dies vernachlässigt zwangsläufig den Umstand, ob der Tatverdächtige von der Justiz angeklagt oder verurteilt wurde, oder auch wieder laufen gelassen werden musste.

Die ausgewiesene Aufklärungsquote des Berichtjahres 2014 liegt mit 54,9 % knapp über der des Vorjahres und wird somit zumindest als bescheidener Erfolg für die Polizeiarbeit, vor allem aber als politischer Erfolg betrachtet. Ein Ansteigen der Aufklärungsquote, so gering dies prozentual auch sein mag, suggeriert zudem, dass Einsparungen bei der Polizei deren Arbeit keinen Abbruch tun – im Gegenteil. Nur: was Aufklärung im Berichtsinne der PKS bedeutet, deckt sich nicht unbedingt mit den alltäglichen Vorstellungen. Alleine der Vermerk im Polizeibericht „Tatverdächtiger ermittelt“ wird statistisch zur Aufklärung und politisch zum Erfolg katapultiert.

Vor allem Medien suggerieren die abgebildeten Zahlen als reale Zu- oder Abnahme bevorzugt in der Überschrift und verkünden damit, ob der Bürger Grund zur Angst haben muss oder sich sicher fühlen kann. Und diese Meldungen schlagen sich entgegen relativierenden Hintergrundinformationen rasch auf das persönliche Sicherheitsempfinden der Menschen nieder.

Polizeigewerkschaften fordern überfällige Debatte

Die Kritik an der PKS ist nicht neu. Auch ihre Mängel müssen Politikern hinlänglich bekannt sein. Nichts desto trotz wird sie als Erfolgsbarometer politischer Programmatik dargestellt und somit als Bewertungskriterium der Polizei zugrunde gelegt. Doch Fakt ist: Bei der PKS handelt es sich um registrierte Straftaten. Sie bildet angezeigte Fälle und damit nur ein „Hellfeld“ ab. Sie unterliegt mitunter von Land zu Land unterschiedlichen Registrierungssystematiken. Was als eine Tat gezählt wird, ist ebenfalls nicht selbsterklärend, denn beispielsweise werden mehrere zeitnahe Delikte eines Täters statistisch zu einer Tat zusammengefasst.

Zudem handeltes sich um eine reine Arbeitsstatistik der Polizei, die den Ermittlungsaufwand völlig außer Acht lässt. In der Statistik zählt eine Tat aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität (OK) als eine registrierte Tat wie beispielsweise einen Fahrraddiebstahl. Somit gibt sie auch keinerlei Aufschluss über die tatsächliche Arbeitsbelastung, wird jedoch zur Stellenplanung der Polizei herangezogen. Besonders diesen Umstand kritisieren die drei Polizeigewerkschaften GdP, DPolG und der BDK massiv.

Die PKS muss als eines der wenigen Instrumente der Kriminalitätswahrnehmung freilich geführt werden. Jedoch dürfen die abgebildeten Werte nicht als Verbrechensrealität und die Aufklärungsquote als qualitativer Erfolg verkauft werden. Für eine wirklichkeitsgetreue Einschätzung der Kriminalitätslage taugt sie nicht.

Praxishinweise:

  • Die PKS ist eine Arbeitsstatistik der Polizei.
  • Die Interpretation registrierter Zahlenwerte als faktische Zu- oder Abnahme ist unseriös, ungeachtet dessen aber in Medienberichten und politischen Statements nachzulesen.

Quellen:

● BMI: Polizeiliche Kriminalstatistik und Politisch Motivierte Kriminalität

Zahlen für das Jahr 2014 in Berlin vorgestellt, PKS 2014 online verfügbar, unter: /www.bmi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2015/05/pks-und-pmk-2014.html

(letzter Zugriff am 18. Mai 2015).  

● Fischer, Thomas: Was zählt die Statistik der Polizei?  Auf Zeit Online vom 12. Mai 2015, online verfügbar unter: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-05/polizei-kriminalstatistik-aufklaerungsquote-aussagekraft (letzter Zugriff am 18. Mai 2015).   

 

 

 

Autor: Dienstbühl, Dr. Dorothee

Anlass: Veröffentlichung PKS 2014

Jedes Jahr im Mai präsentiert der Bundesinnenminister die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). Diese besteht aus den zusammengefügten Erhebungen der Polizeien der Länder und des Bundes durch das Bundeskriminalamt (BKA). Die Entwicklungen bei registrierten Straftaten und Straftätern werden nicht selten als reale Zu- oder Abnahme interpretiert und geraten somit zum Politikum. Abgesehen davon, dass solche Aussagen auf Basis der PKS ohnehin nicht zu treffen sind, weißt bereits die Registrierungssystematik gravierende Mängel auf. Und diese sind nicht neu.

Sachbereich: A2 Aktuelles und Grundlagen - Sicherheitsrisiken/Bedrohungen

Schlagwörter: Polizeiliche Kriminalstatistik , Bundeskriminalamt, Straftaten, PKS, Polizeigewerkschaft, Aufklärungsquote


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