Boorberg Verlag

Krisenrobust durch unsichere Zeiten navigieren

22.07.2015

Ereignisse wie die Nuklearkatastrophe in Fukushima im Jahr 2011 oder der ungeklärte Flugzeugabsturz der Malaysia-Airlines MH 370 (2014) zeigen, dass noch so undenkba­re Ereignisse getreu dem Motto: „Erwarte auch das Unerwartete“ schnell zur Reali­tät werden können. Jedes Unternehmen und jede Organisation kann von jetzt auf gleich mit Unsicherheiten und Unwägbarkeiten konfrontiert werden, die ihre Geschäftstätigkeit negativ beeinflussen und bis zur Existenzbedrohung reichen.

Wissenschaftlich fundiertes Konzept der HRO liefert Erkenntnisse für organisationale Zuverlässigkeit

Das Konzept der High-Reliability-Organisationen (HRO) liefert einen innovativen und nachhaltigen Beitrag zur Resilienz, um tagtäglich unerwartete Situationen unter extremen Bedingungen zu lösen und gestärkt aus Krisen hervorzugehen. Der HRO-Begriff hat seinen Ursprung in den Arbeiten der Forschungsgruppe an der University California in Berkeley (Todd La Porte; Gene Rochlin, Karlene Roberts; Paul Schulman), die sich Mitte der 1980er Jahre mit der Analyse von Organisationen mit hohem Gefährdungspotenzial auseinandersetzte. Der Untersuchungsgegenstand umfasste Organisationen der Elektrizitätserzeugung und -versorgung, das System der Flugsicherung, atomar betriebene Flugzeugträger und Kernkraftwerke. Angeregt von diesen ursprünglichen Forschungsarbeiten analysierten die Wissenschaftler Weick und Sutcliffe Notaufnahmen in Krankenhäusern, Feuerwehrmannschaften in der Wald- und Flächenbrandbekämpfung, Unfalluntersuchungsteams und Verhandlungsteams bei Geiselnahmen. Aufgrund der erlangten wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden die analysierten Organisationen als HRO bezeichnet, da sie: „(…) ständig unter sehr schwierigen Bedingungen arbeiten und (…) trotzdem weit weniger Unfälle und Störungen auftreten, als statistisch zu erwarten wären“ (Weick & Sutcliffe, 2010).

Organisationale Zuverlässigkeit basiert auf fünf Erfolgsprinzipien

Bei der Analyse von HRO wurden besondere Merkmale und Faktoren der Achtsamkeit festgestellt, die ihnen ermöglichen, sicher und zuverlässig zu agieren. Die gewonnenen Erkenntnisse wurden in der sogenannten High-Reliability-Theorie (HRT) zusammengefasst. Hierbei basiert die Schlüsselfähigkeit der Achtsamkeit auf fünf Dimensionen und umfasst sowohl Prinzipien der Antizipation als auch der Eindämmung (Weick & Sutcliffe, 2010):

Prinzip 1 - Konzentration auf Fehler:

Durch eine Konzentration auf Fehler werden Abweichungen vom Normalzustand frühzeitig wahrgenommen, bevor sie sich zu größeren Problemen verdichten. Zu diesem Zeitpunkt stehen noch mehr Handlungsoptionen zur Abwendung von potenziellen Krisen zur Verfügung.

Prinzip 2 - Abneigung gegen vereinfachende Interpretationen:

Eine Abneigung vereinfachender Interpretationen stellt ein breites Spektrum an Annahmen und eine Vielzahl an menschlichen Denk- und Handlungsweisen bereit. Der große Umfang an Erwartungen, Skepsis und Befürchtungen erweitert den Blick auf potenzielle Gefährdungen, die zu beobachten sind. Anlässe für unerwartete Ereignisse sind seltener.

Prinzip 3 - Sensibilität für betriebliche Abläufe:

Die Sensibilität für betriebliche Abläufe erhöht den Wissensstand über die aktuellen innerbetrieblichen Abläufe im gesamten Unternehmen. Eine detaillierte Betrachtung auf die Betriebsabläufe ermöglicht eine Vielzahl an geringfügigen Fehleinschätzungen und Fehlern festzustellen, die normalerweise unerkannt bleiben und sich dadurch vervielfachen.

Prinzip 4 - Streben nach Flexibilität:

Das Streben nach Flexibilität ermöglicht negative Vorkommnisse abzufedern und in einen Vorteil zu verwandeln. Nach einer Krise wird nicht nur die ursprüngliche Leistungsfähigkeit wiederhergestellt, sondern auch ausgebaut. Negative Erfahrungen werden zum Neuerwerb von Wissen genutzt und als Chance zum Lernen aufgegriffen. Die Grundlagen des kontinuierlichen Erfahrungslernens bilden u. a. eine permanente bewusste Reflexion und Feedback, welche die nötige Flexibilität verschafft.

Prinzip 5 - Respekt vor fachlichem Wissen und Können:

Ein Respekt vor fachlichem Wissen und Können vergrößert den hierarchieübergreifenden transparenten Informationsfluss. Es entsteht ein gemeinsames mentales Modell zwischen allen Unternehmensebenen, die das Treffen unvollständiger oder falscher Entscheidungen vermindert. In ad hoc Situationen fördert die Delegation der Entscheidungsbefugnis auf die operative Ebene eine schnelle sowie erfolgreiche Krisenreaktion.

Konzept der HRO ist auf Wirtschaft übertragbar

In einer wissenschaftlichen Studie wurde die Übertragbarkeit der HRT auf das Krisenmanagement in Wirtschaftsunternehmen durch die Autorin untersucht. Anhand durchgeführter Experteninterviews u. a. mit Leitern und Fachreferenten der Konzernsicherheit wurde der Frage nachgegangen, ob bei den Unternehmen dieselben Muster auftreten, die auch zur Sicherheit in den HRO beitragen. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen haben aufgezeigt, dass viele HRO-Praktiken in den Wirtschaftsunternehmen zur Anwendung kommen, was für die Übertragbarkeit der HRT auf das Krisenmanagement spricht. Die zentralen Aspekte lassen sich wie folgt zusammenfassen:

1.     Konzentration auf Fehler

Im Rahmen des aktiven Krisenmanagements existieren Früherkennungsmethoden zur Identifikation potenzieller sicherheitskritischer Ereignisse in der Entstehungsphase. Durchweg alle eingesetzten Systeme basieren auf dem Rückgriff auf technische, automatisierte Systeme, während das Mitarbeiterwissen nicht durchgehend zur Früherkennung genutzt wird.

2.     Abneigung gegen vereinfachende Interpretationen

Beinah alle Befragten nutzen zur Krisenfrüherkennung die unterschiedlichsten Informationen. Diese Unternehmen suchen aktiv nach Informationen, um so vereinfachende Interpretationen der Realität zu vermeiden. Unterschiede bestehen in der Methodenwahl. Je nach Fall werden verschiedene effektive Bedingungen geschaffen, um einen vielfältigen Wissensaustausch zu erreichen.

3.     Sensibilität für betriebliche Abläufe

Fast alle der analysierten Unternehmen setzen sich mit dem Krisenmanagement bewusst auseinander. Die Mitarbeiter im Unternehmen werden für mögliche Krisenpotenziale sensibilisiert. Der praktische Wissens- und Informationsaustausch über das Krisenmanagement richtet sich hauptsächlich auf die Handlungsabläufe fachlicher Fähigkeiten. Trainingsmaßnahmen zur Förderung überfachlicher Kompetenzen unterbleiben fast durchgängig.

4.     Streben nach Flexibilität

Die Nachbereitung von Krisen ist integraler Bestandteil des Krisenmanagements. Nach jedem außergewöhnlichen Ereignis finden ausführliche Lernprozesse statt. Einerseits werden erlebte Situationen in gemeinsamen Besprechungen des Krisenteams aufgearbeitet und analysiert, um Optimierungspotenzial zu erkennen und umzusetzen. Andererseits richtet sich der Ablauf der Zusammenkünfte in den meisten der Untersuchungsfälle nach keiner bestimmten Strategie und strukturierte Fehlererfassungssysteme sind bis auf wenige Ausnahmen nicht die Regel.

5.     Respekt vor fachlichem Wissen und Können

Das Krisenmanagement ist in allen der untersuchten Fälle auf mehreren Unternehmensebenen etabliert, was eine dezentrale Entscheidungsfindung zulässt. Im Rahmen der Ereignisbewältigung können die Mitarbeiter vorwiegend eigenverantwortlich Entscheidungen treffen, auch ohne eine hierarchisch herausgehobene Position im Team einzunehmen. Während der Krisenintervention werden interdisziplinär besetzte Krisenstäbe aus verschiedensten Fachbereichen gebildet. Zweckmäßige Verfahren zur richtigen Besetzung der Krisenteams nach nötiger Kompetenz sind nicht vorzufinden.

Fazit

Die Ergebnisse der Untersuchung machen deutlich, dass jedes Unternehmen von plötzlichen, unerwarteten Ereignissen tangiert werden kann. Es zeigte sich allerdings auch, dass keiner der Betroffenen diesen kritischen Ereignissen schutz- und wehrlos ausgeliefert war. Aufgrund einer gewissen Resilienz wurden Krisen erfolgreich bewältigt. Diese Resilienz gilt es weiterhin auszubauen, um auch zukünftigen Herausforderungen gewachsen zu sein. Das HRO-Konzept stellt hierfür ein ergänzendes Rahmenwerk zur Verfügung, das Unternehmen befähigt, sich schnell wandelnden Umweltbedingungen anzupassen, Krisen als Chance zu betrachten und gestärkt aus ihnen hervorzugehen.

Praxishinweise:

Es bietet sich gerade dazu an, die HRO-Praktiken in bereits bestehende Krisenmanagement-Strukturen zu integrieren und in Richtung eines achtsameren Managements weiter auszubauen. Die Anweisungen in Krisenmanagement-Standards sollten so definiert sein, dass sie den Mitarbeitern eine Verhaltensorientierung sowie eine erforderliche Anpassungsfähigkeit zur Bewältigung unerwarteter Ereignisse ermöglichen. Hierfür ist es erforderlich, dass Verantwortung angemessen übertragen und den Mitarbeitern Handlungsspielräume gewährt werden.

 

Quellen:

Hoffmann, H. (2015). Krisenmanagement in Wirtschaftsunternehmen. Eine empirische Untersuchung zur Übertragbarkeit der Erkenntnisse der High-Reliability-Forschung. Lohmar - Köln: Josef Eul Verlag.

Weick, K. E. & Sutcliffe, K. M. (2010). Das Unerwartete Managen. Wie Unternehmen aus Extremsituationen lernen (2. Aufl.). Stuttgart: Schäffer-Poeschel-Verlag.

 

Dieser Beitrag enthält Produktwerbung.

 

Autor: Hoffmann, Heidi

Anlass: Fachbuch über Krisenmanagement in Wirtschaftsunternehmen erschienen

Die Erkenntnisse aus der High-Reliability-Forschung können auch in Wirtschaftsunternehmen einen nachhaltigen Beitrag zur organisationalen Widerstandsfähigkeit (Resilienz) leisten. Unsicherheiten, Fehler oder Störungen können durch geeignete organisatorische und strukturelle Maßnahmen begrenzt werden. Eine besondere Bedeutung für das Krisenmanagement hat dabei das Konzept der High-Reliability-Organisationen(HRO).

Sachbereich: C1 Krisenmanagement/Gefahrenabwehr - Handeln vor und in der Krise

Schlagwörter: Krise, Krisenmanagement, Resilienz, High-Reliability-Organisationen, High-Reliability-Forschung, High-Reliability-Theorie, Hochzuverlässigkeitsorganisationen, HRO, HRT, Zuverlässigkeit


-