Boorberg Verlag

Hochschulsicherheit – eine professionelle Vorbereitung auf Krisen – Teil 2

02.05.2018

Die Gewährleistung der Sicherheit an Hochschulen rückt immer mehr in den Fokus. Auch der Ort der Wissenschaftsfreiheit bleibt nicht verschont vor kriminellen Handlungen oder krisenhaften Ereignissen. Handelt es sich hierbei um Einzelfälle, die keiner besonderen Beachtung bedürfen, oder ist die Implementierung eines Krisenmanagements erforderlich? Deutschlandweit haben Ereignisse zum Nachdenken geführt. Psychisch kranke Studierenden, die AMOK-Taten androhen, sexuelle Übergriffe auf Studentinnen, bewaffnete Lehrkräfte und Suizide zeigen deutlich, dass sich die Hochschulen technisch, organisatorisch und personell vorbereiten sollten. Insbesondere Hochschulen mit internationalen Aktivitäten müssen zunehmend gegenüber ihren Partnerhochschulen im Ausland darlegen wie sie die Sicherheit der Incomings (Studierende aus dem Ausland in Deutschland) gewährleisten. Die Mobilität der deutschen Studierenden steigt aber auch stetig. Damit verbunden ist das Erfordernis auch für die Sicherheit der Studierenden im Ausland (Outgoings) Sorge zu tragen. Eine Herausforderung für alle Hochschulen.

Wurden im ersten Teil des Beitrags die Problemstellung und Herausforderung sowie der Sachstand an deutschen Hochschulen dargestellt, werden im zweiten Teil Einzelfragen zum Krisenmanagement erläutert und konkrete Praxistipps vorgestellt.

Rechtlicher Rahmen

Eine eindeutige gesetzliche Regelung, die Hochschulen zu präventiven Maßnahmen verpflichtet, ist nicht gegeben. Allerdings könnte ein Organisationsverschulden vorliegen, wenn die Hochschule allgemeine organisatorische Anforderungen versäumt. Dieser Unterfall des § 823 BGB könnte zum Schadensersatz führen. Das Organisationsverschulden unterscheidet drei Formen:

  • Selektionsverschulden,
  • Überwachungsverschulden und
  • Anweisungsverschulden.

Fehlende Handlungs- und Arbeitsanweisungen zum Krisenmanagement, obwohl es in der Vergangenheit zu kritischen Ereignissen kam, könnte ein Anweisungsverschulden begründen. Dies gilt auch dann, wenn die vorhandenen Regelungen fehler- oder lückenhaft sind.

KATWARN

KATWARN ist ein einheitliches und deutschlandweites Warn- und Informationssystem. Dieses informiert Personen in einem betroffenen Gebiet über bestimmte Gefahren wie Naturkatastrophen, Brände, Stromausfälle etc.). Die Warnungen erfolgen orts- oder themenbezogen. Es ist sichergestellt, dass die Inhalte nur von offiziellen und autorisierten Stellen erfolgt. Die Nutzung ist kostenlos und kann auf alle Endgeräte heruntergeladen werden. Die Entwicklung des Systems erfolgte durch das Frauenhofer-Institut im Auftrag durch den Verband der öffentlichen Versicherungen. Das System stellt eine Grundlage für die Information von Hochschulangehörigen dar. Die Technik ist auch erweiterbar und sieht die Möglichkeit vor, dass Mitglieder der Hochschule individuell über Ereignisse im In- und Ausland informiert werden können.

Incomings und Outgoings

Nach Angaben des DAAD wurde durch diesen im Jahr 2016 131.229 Personen aus allen Weltregionen gefördert. Die Förderung erreichte 55.754 Ausländer und 75.475 Deutsche. Die Förderprogramme des DAAD richten sich in erster Linie an Studierende, aber auch an Hochschullehrer und Verwaltungspersonal. Diese Angaben sind nur ein Indiz für die hohe Mobilität, da eine Vielzahl von Möglichkeiten des Austauschs bestehen.

Die Planung und Unterstützung der Mobilitäten erfolgt meist über das International Office. Dieses bereitet die deutschen Studierenden auf ihren Auslandsaufenthalt vor und gibt auch Verhaltenshinweise für das Verhalten im Ausland. Der Kontakt während des Auslandsaufenthalts erfolgt ebenfalls über das International Office.

Ereignisse wie zum Beispiel die Reaktorkatastrophe in Fukushima haben jedoch gezeigt, dass bei derartigen Naturkatastrophen eine Kontaktaufnahme nur schwer möglich ist. Der Verbleib und der Gesundheitszustand sind nicht immer sofort feststellbar. Individuelle Reisen von Lehrenden mit Studierenden werden oftmals nicht zentral erfasst, wenn diese nicht gefördert werden. Im Fall eines Ereignisses muss sehr aufwendig recherchiert werden, welche Hochschulangehörigen sich derzeit im Ausland befinden.

Es fehlt der zentrale Überblick über alle Reiseaktivitäten, so dass die Handlungsmöglichkeiten der Hochschulen sehr eingeschränkt sind.

Ausländische Studierende, die an deutschen Hochschulen studieren, sollten ebenfalls betreut werden. Viele ausländische Hochschulen verlangen sogar Sicherheitskonzepte oder fragen zumindest nach den Sicherheitsmaßnahmen, die getroffen wurden. Incomings sollten auf das sicherheitsgerechte Verhalten in Deutschland hingewiesen werden und die Möglichkeit haben sich bei Problemen an die Hochschule wenden zu können. Ereignisse wie der Terroranschlag am Breitscheidplatz in Berlin haben gezeigt, dass auch hier ein Informationsbedürfnis der ausländischen Hochschulen und der Eltern besteht, ob Studierende Opfer des Anschlags waren. Aber auch andere Probleme, die in einem fremden Land auftreten können, müssen begleitet werden.

Einige Hochschulen haben hierfür Informationsblätter entwickelt. Diese geben Verhaltenshinweise und umfassen die wichtigsten Rufnummern, die es zu wissen gilt (zum Beispiel Feuerwehr, Polizei, International Office, psychologische Beratung).

Notfall-Hotline durch einen Notruf- und Serviceleitstellen

Aufgrund der Struktur von Hochschulen sind die Kommunikations- und Meldewege oftmals nicht eindeutig festgelegt. Für die Hochschulangehörigen sollte der Ansprechpartner für Erstmeldung bei außergewöhnlichen Ereignissen bekannt sein. Ausländische Studierende wenden sich oftmals mit ihren Problemen an das International Office. Allerdings ist eine 24-stündige Erreichbarkeit weder zu erwarten, noch zu leisten. Aus diesem Grund kann das Einrichten einer Notfall-Hotline wesentlich unterstützen, um zeitgerecht zu informieren und Maßnahmen einzuleiten.

Verschiedene Sicherheitsdienstleister bieten mit ihren Notruf- und Serviceleitstellen einen solchen Service an, der auch englischsprachig ist. Vor der Einrichtung sind mit dem Anbieter denkbare Szenarien zu erarbeiten und die Handlungsabläufe sowie Kommunikationswege festzulegen. Die Hochschulangehörigen wenden sich mit allen sicherheitsrelevanten Fragen an diese Hotline. Der Mitarbeiter der Hotline prüft das Anliegen und entscheidet dann über die weitere Verfahrensweise. In Notfällen wird die Feuerwehr oder Polizei alarmiert oder auf diese verwiesen. In allen anderen Fällen leitet der Mitarbeiter die erforderlichen Maßnahmen ein und informiert gegebenenfalls die Hochschulleitung oder das Verwaltungspersonal.

Im Ergebnis ist damit sichergestellt, dass alle Ereignisse zentral erfasst werden, die Hochschulleitung Kenntnis erlangt und zeitgerecht gehandelt wird.

Pressearbeit

Aus dem Bildungsauftrag der Hochschulen heraus und aufgrund der Wissenschaftsfreiheit ist die grundsätzliche Pressearbeit von einer positiven und erfolgreichen Medienberichterstattung geprägt. In Bezug auf Sicherheitsvorfälle und krisenhaften Situationen an Hochschulen ist ein Umdenken unabdingbar. Die Hochschulen müssen sich auch mit diesem Themenbereich auseinandersetzen und Vorbereitungen für den Krisenfall treffen. Im Ereignisfall ist gegebenenfalls eine Hotline einzurichten und zu besetzen.

Notfallordner und Krisenmanagementhandbuch für Hochschulen

Notfallordner für Schulen sind sicherlich ein probates Mittel, um in bestimmten Situationen reagieren zu können. Für einen begrenzten Personenkreis sind diese einsetzbar und führen zur Problemlösung. An Hochschulen ist deren Einsatz jedoch aufgrund der eingangs beschriebenen Strukturen hinsichtlich der Praxistauglichkeit zu hinterfragen. Viele Hochschulen arbeiten mit mehr als 40 % Lehrbeauftragten, die nicht fest in die Organisation eingebunden sind. Notfallordner sind nur dann sinnvoll, wenn deren Inhalt allen betroffenen Personen hinlänglich bekannt sind.

Aus den dargelegten Gründen sollte eine Kombination zwischen der Beschreibung von Szenarien und Handlungsabläufen sowie der Implementierung eines Krisenmanagements erfolgen. Der Vorteil hierbei ist, dass das Krisenmanagement die konzeptionellen, organisatorischen und verfahrensmäßigen Voraussetzungen zur Ereignisbewältigung schafft, ohne hierbei den Einzelfall zu regeln. 

Waren die Hochschulen in der Vergangenheit eher passiv und abwartend, so nehmen sie sich zunehmend dieses Themenfeldes an, setzen sich mit den Inhalten auseinander und bereiten sich auf außergewöhnliche Ereignisse vor. Sie schaffen immer mehr die erforderlichen Strukturen, um in einer sogenannten „Besonderen Aufbauorganisation“ die Krise bewältigen zu können.

Krisenmanagementhandbuch

Eine mögliche Lösung ist die Erarbeitung eines Krisenmanagementshandbuchs, welches alle wesentliche technischen, organisatorischen und personellen Voraussetzungen regelt.

Inhaltlich umfasst das Krisenmanagementhandbuch folgende Regelungen:

  • Zielsetzung, Begriffsbestimmungen, rechtliche Betrachtung,
  • krisenvorbereitende Maßnahmen wie zum Beispiel Organisation des Krisenstabes,
  • krisenbegleitende Maßnahmen mit Beschreibung des Auslösungsprozesses einer Krise, Alarmierung des Krisenstabes, Zusammensetzung und Aufgaben,
  • Beschreibung von Notfallprozessen,
  • Krisennachbereitung sowie
  • Hinweis auf mitgeltende Dokumente.

Praxistipps

  • Die Sicherheit an Hochschulen ist ein ernst zu nehmendes Thema, welches das Sicherheitsgefühl der Hochschulangehörigen stärkt und zu einem Wettbewerbsvorteil führt.
  • Die Bewältigung von krisenhaften Ereignissen darf nicht dem Zufall überlassen bleiben. Daher sind Verantwortlichkeiten, rechtliche Rahmenbedingungen, Handlungsabläufe und Kommunikationsstrukturen zu klären und verbindlich festzulegen.
  • Ein professionelles Krisenmanagementsystem stellt eine ausreichende Basis für das Handeln im Ernstfall dar. Hierzu zählt auch eine angemessene und entsprechende Pressearbeit.
  • Mit der örtlich zuständigen Polizei ist zu kooperieren. Eine zeitgerechte Zusammenarbeit kann für die Hochschule eine wesentliche Entlastung in Sicherheitsfragen darstellen.

Autor: Prof. Marcel Kuhlmey

Die Gewährleistung der Sicherheit an Hochschulen rückt immer mehr in den Fokus. Auch der Ort der Wissenschaftsfreiheit bleibt nicht verschont vor kriminellen Handlungen oder krisenhaften Ereignissen. Handelt es sich hierbei um Einzelfälle, die keiner besonderen Beachtung bedürfen, oder ist die Implementierung eines Krisenmanagements erforderlich? Im zweiten Teil des Beitrags von Prof. Marcel Kuhlmey werden Einzelfragen zum Krisenmanagement erläutert und konkrete Praxistipps vorgestellt.

Sachbereich: C1 Krisenmanagement/Gefahrenabwehr - Handeln vor und in der Krise

Schlagwörter: Schule, Hochschule

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