Boorberg Verlag

Gewalterfahrungen von Mitarbeitern der Berliner Ordnungsämter

06.06.2018

Die Übergriffe gegenüber der Polizei, der Feuerwehr und den Rettungsdiensten sind in den letzten Jahren zunehmend gestiegen und auch thematisiert worden. Diesem Phänomen sind aber auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ordnungsämter ausgesetzt, wie eine Studie aus dem Jahr 2016 belegt. Ihr Tätigkeitsschwerpunkt liegt in der Verfolgung von Verkehrsordungswidrigkeiten im ruhenden Verkehr und Ahndung von nichtverkehrsrechtlichen Ordnungswidrigkeiten.

In Berlin gab es im Jahr 2016 über 600 Beschäftigte in den Ordnungsämtern. An einer anonymisierten Befragung nahmen 362 Personen aus neun von zwölf Bezirken in Berlin teil, die während ihrer Dienstzeit in der Vergangenheit mindestens einmal psychischer oder physischer Gewalt ausgesetzt waren. Die Berliner Ordnungsämter wurden im Jahr 2004 gegründet.

Aus der Studie lassen sich Rückschlüsse für die Prävention und das situationsgerechtes Verhalten in Kontroll- und Konfliktsituationen ableiten.

Forschungsfrage

Ausgehend von Mitarbeiterberichten ergaben sich einige Fragestellungen. Untersucht werden sollte unter anderem, ob

  • es Unterschiede hinsichtlich des Geschlechts der betroffenen Beschäftigten gibt,
  • die Taten sich auf bestimmte Zeiten oder Tatorte einschränken lassen,
  • besondere Tätigkeiten mit einem hohem Konfliktpotential einhergehen,
  • bestimmte Altersgruppen eher zur Gewalt neigen,
  • Alkohol- und Drogenbeeinflussung eine besondere Rolle bei der Gewaltanwendung gegenüber Ordnungsamtsmitarbeitern einnimmt,
  • Maßnahmen der Eigensicherung (wie zum Beispiel Doppelstreifen) eine abschreckende Wirkung entfalten sowie
  • Ordnungsamtsmitarbeiter Gewalt als eine Begleiterscheinung ihrer Tätigkeit empfinden.

Ergebnisse

Einen signifikanten Unterschied zwischen den männlichen und weiblichen Beschäftigten war nicht erkennbar. Nahezu proportional waren männliche (46 %) und weibliche (54 %) Mitarbeiter in der Vergangenheit diesem Phänomen ausgesetzt. Zu der Frage nach den Gewalterlebnissen antworteten 65 % der Befragten, dass sie in der Vergangenheit psychischer Gewalt ausgesetzt waren. 5 % von ihnen berichteten über physische Gewalt und 30 % mussten in der Vergangenheit beide Formen erleben.

Anders als zu vermuten ist, ereigneten sich die Taten in 51 % der Fälle bei Tageslicht, 23 % in der Dämmerung und nur 26 % in der Dunkelheit. Bezogen auf die Tageszeit fanden die Taten zu 22 % morgens, 48 % am Tage und nur 30 % am Abend statt. Die Taten werden also zu allen Zeiten begangen. Es gibt keine Tageszeit, die einen besonderen Schwerpunkt darstellt.

Auch hinsichtlich der Tatorte können keine klassischen Orte definiert werden. Belebte Örtlichkeiten sind offensichtlich kein Garant für Sicherheit, da sich die Taten zu 49 % auf Hauptstraßen ereigneten.

Als Tatmittel kamen in 12 % der Fälle Waffen oder gefährliche Gegenstände zum Einsatz wie Fahrzeuge, Knüppel oder  Steine. Im Verhältnis zu den waffenlosen Ereignissen erscheint diese Zahl relativ gering, ist aber gegenüber den Angriffen auf Polizeibeamte verhältnismäßig hoch.

Der Einsatzanlass war in 63 % der Fälle das Einschreiten im Zusammenhang mit Verkehrsordnungswidrigkeiten. Der zu erwartende Grund wären Ereignisse im Zusammenhang mit der Bekämpfung von Haus- und Nachbarschaftslärm oder Jugendschutzkontrollen gewesen. Dies entsprach jedoch nur insgesamt 8 % der Fälle.

Die Folgen waren jedoch schwerwiegend. 61 Beschäftigte wurden bei diesen Gewalthandlungen verletzt. Dies entspricht 17 % der Betroffenen, die sich nahezu auch alle in ärztliche Behandlung begaben. In der Folge kam es bei einem Drittel der Befragten zu Ausfallzeiten. Besonders herauszustellen ist die Traumatisierung der Ordnungsamtsmitarbeiter, die zu einem Viertel erfolgte. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass sich Traumatisierungen nicht nur auf die betroffenen Beschäftigten, sondern auch auf ihre Angehörigen erheblich auswirken.

Die Täter waren überwiegend männliche Einzeltäter im Alter zwischen 20 und 60 Jahren. Die Taten geschahen überwiegend aus einer Gesprächssituation heraus ohne vorherige Androhungen. Signifikant ist auch, dass diese nur in 21 % der Fälle unter Drogen- oder Alkoholeinfluss standen.

Wie auch andere Studien belegen, hat die korrekte Dienstkleidung einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Täterverhalten und deren Gewaltbereitschaft.

Fazit

Die Studie hat gezeigt, dass es hinsichtlich des Geschlechts, der Größe und Statur der betroffenen Ordnungsamtsmitarbeiter keine Unterschiede gibt. Der überwiegende Teil der Gewalt stellt sich als Straftaten wie Beleidigungen und Bedrohungen dar. Hinsichtlich der Tageszeiten und der Lichtverhältnisse gibt es keine Schwerpunkte. Es lässt sich nicht die Vermutung belegen, dass Gewaltanwendungen eher in den Abendstunden und an abgelegenen Örtlichkeiten erfolgen. Der Tätertyp ist der männliche Alleintäter, mittleren Alters, nicht alkoholisiert, der zuvor ein Gespräch führt und spontan handelt.

Praxistipps

Aus der Studie lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen, die es zu beachten gilt:

  • Die Aus- und Fortbildung nimmt einen hohen Stellenwert ein.
  • Es sollte ein Notfallmanagement entwickelt und implementiert werden, da die Erstreaktion der Vorgesetzten für die spätere Verarbeitung der Ereignisse von elementarer Bedeutung ist.
  • Aufgrund der Untersuchung gibt es keinen klassischen Tätertyp. Die Eigensicherung nimmt daher einen besonderen Stellenwert ein, da aufgrund der Umstände in der Regel normale Kontrollsituationen schnell eskalieren können.
  • Den Täter schreckt es in der Regel nicht ab, dass die Ordnungsamtsmitarbeiter als Doppelstreife eingesetzt und Zeugen vor Ort sind.

Siehe auch:
Ergebnisdarstellung einer anonymen Umfrage unter MitarbeiterInnen der Berliner Ordnungsämter

Autor: Prof. Marcel Kuhlmey

Anlass: Studie des Fachbereichs Polizei und Sicherheitsmanagement der HWR Berlin

Die Übergriffe gegenüber der Polizei, der Feuerwehr und den Rettungsdiensten sind in den letzten Jahren zunehmend gestiegen und auch thematisiert worden. Diesem Phänomen sind aber auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ordnungsämter ausgesetzt, wie eine Studie aus dem Jahr 2016 belegt. Aus der Studie lassen sich Rückschlüsse für die Prävention und das situationsgerechtes Verhalten in Kontroll- und Konfliktsituationen ableiten.

Sachbereich: A1 Aktuelles und Grundlagen - Sicherheit im Wandel der Gesellschaft

Schlagwörter: Übergriffe, Bedrohung, Beleidigung, Polizei, Ordnungsämter


-