Boorberg Verlag

Häusliche Gewalt als alltägliches Problem

04.12.2018

In der kriminalstatistischen Auswertung des BKA zur Partnerschaftsgewalt wurden im Jahr 2017 138.893 Menschen in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner misshandelt, gestalkt oder bedroht. Vor allem Frauen sind von dieser Form von Gewalt betroffen. Ihr Anteil als Opfer beträgt 82 Prozent. 147 Frauen wurden von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet, das entspricht jeden zweiten bis dritten Tag. Doch die registrierten Taten stellen tatsächlich nur die Spitze des Eisbergs dar.

Vielfältige Formen von Gewalt

Gewalt in Partnerschaften oder durch den Ex-Partner kann sowohl physisch, psychisch, sexuell, wirtschaftlich und / oder emotional sein. Trotz der Individualität jeder (Gewalt-)Beziehung lassen sich übertragbare Muster erkennen. Es geht dem gewaltausübenden Partner in erster Linie um Macht. Den Partner zu dominieren und ihn bei Bedarf Gewalt anzutun, zeigt gleichzeitig eigene Defizite auf: Es ist dem aggressiven Partner nicht möglich, sich in anderer Art (z.B. argumentativ) durchzusetzen oder mit erlebten Kränkungen und Frustrationen angemessen umzugehen, die möglicherweise nichts mit der Partnerschaft zu tun haben (z.B. Stress im Arbeitsleben, etc.). Häufig zeigt sich, dass die Täter als Kinder selbst Gewalterfahrungen in ihren Familien gemacht haben. Um sein eigenes Unvermögen zu rechtfertigen, werden dem Opfer in Gewaltbeziehungen Vorwürfe gemacht, es bekommt die Schuld für das Empfangen von Gewalt zugewiesen. Neben physischer und / oder sexueller Gewalt werden Betroffene in Abhängigkeitsverhältnissen gehalten und sozial isoliert. Auch dies ist ein Grund, warum Gewalt in Beziehungen so selten angezeigt wird.

Gewaltrealität deutlich höher

Gerade häusliche Gewalt gehört zu den Delikten, die häufig nicht angezeigt werden. Doch auch strafbare Nachstellungen durch den Ex-Partner oder auch dessen Familienangehörige werden häufig nicht zur Anzeige gebracht. Die Gründe dafür sind vielfältig und individuell, in der Regel basieren sie jedoch auf Ängsten: Vor der Übermacht des Täters, der das eigene Leben oder auch den Lebensstandard beenden kann, davor, die gemeinsamen Kinder in einem Sorgerechtsstreit zu verlieren, davor, dass einem niemand glaubt, weil der Täter eine angesehene Person im persönlichen Umfeld ist, usw. Es zeigt sich immer wieder, dass gerade die Opfer häuslicher Gewalt alles dafür tun, den Anschein einer glücklichen Beziehung nach außen aufrecht zu erhalten und auch die Schuld erfahrener Gewalt bei sich suchen. Dies fördert die soziale Isolation der Betroffenen, die stets in der Angst leben, dass die Beziehungsrealität entdeckt werden könnte.

Kulturelle Aspekte

Der Anteil deutscher Staatsangehöriger unter den Tatverdächtigen lag bei knapp 68 Prozent. Dies sagt allerdings wenig über kulturelle Hintergründe aus, da bei der Erfassung in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) alleine das Vorhandensein des deutschen Passes von Belang ist; auch bei doppelten Staatsbürgersschafen zählt lediglich die deutsche. Zudem zeigt der Anteil von gut 32 Prozent bei einem deutlich niedrigeren ausländischen Bevölkerungsanteil, dass auch und unbedingt über kulturelle Hintergründe gesprochen werden muss, sofern diese Gewaltanwendung in der Familie legitimieren. In Kulturen, in denen spezifische Konzepte von „Ehre“ und tradiert-patriarchalischen Strukturen gelebt werden, wird physische Gewalt als Züchtigungsrecht verstanden. Dieser Umstand ist seit vielen Jahren in Frauenhäusern und entsprechenden Opferberatungsstellen bekannt, ist jedoch nicht beziffert. Im politischen und gesellschaftlichen Diskurs erfährt dieses Problem somit häufig Verallgemeinerungen einerseits und Negierung andererseits.

Fazit

Gewalt in Paarbeziehungen bzw. durch Ex-Partner ist in Deutschland kein randständiges Phänomen. Das Zahlenmaterial der PKS ist hierzu nur wenig aussagekräftig, da gerade diese Form von Gewalt selten zur Anzeige gebracht wird. Doch bereits die registrierten Fälle und der Umstand, dass statistisch betrachtet jeden zweiten bis dritten Tag eine Frau in Deutschland ihr Leben durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners verliert, ist alarmierend. Es zeigt aber auch, dass das Problem Beachtung findet. Seit Jahren sind die Gewaltschutzkonzepte ausgeweitet worden. Insbesondere die Polizei ist für Formen häuslicher Gewalt sensibilisiert. Noch immer sind Defizite erkennbar, die im schlimmsten Fall das Leben eines Menschen kosten. Frauenhäuser und Hilfsorganisationen klagen über zu wenig Plätze und Mittel für zu viele Betroffene. Menschen schauen im nahen Umfeld noch viel zu häufig weg, weil sie sich nicht einmischen oder keinen Ärger riskieren wollen. Umso wichtiger ist ein medialer Fokus, der die Gesellschaft zwingt, sich mit diesem Phänomen auseinander zu setzen.

In den Text eingeflossene Quellen: siehe u.g. Links.


Siehe auch:
BKA (Hrsg): Partnerschaftsgewalt - Kriminalstatistische Auswertung – Berichtsjahr 2017 (Stand: 03.12.2018)
Mehr registrierte Fälle von Gewalt in Partnerschaften, in: Zeit vom 16. November 2018 (Stand: 02.12.2018)
Spoerr, Kathrin: Der dickste Brocken der Dunkelziffer steht im Koran, in: Welt vom 20.11.2018 (Stand: 01.12.2018)
Terre des Femmes (Hrsg.): Häusliche Gewalt (Stand: 03.12.2018)

Autor: Prof. Dr. Dienstbühl, Dorothee

Anlass: Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS)

In der kriminalstatistischen Auswertung des BKA zur Partnerschaftsgewalt wurden im Jahr 2017 138.893 Menschen in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner misshandelt, gestalkt oder bedroht. Vor allem Frauen sind von dieser Form von Gewalt betroffen. Ihr Anteil als Opfer beträgt 82 Prozent. 147 Frauen wurden von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet, das entspricht jeden zweiten bis dritten Tag.

Sachbereich: A1 Aktuelles und Grundlagen - Sicherheit im Wandel der Gesellschaft

Schlagwörter: Frauen, PKS, Partnerschaftsgewalt, Kriminalstatistik

Weitere Artikel zu diesem Thema:
Alle vier Minuten wird ein Mensch in Deutschland zum Opfer von häuslicher Gewalt...
 

-