Boorberg Verlag

Deutsche Jihadistinnen und ihre Rolle im „Islamischen Staat“

12.06.2019

Über ein Fünftel der über 1.050 deutschen Jihadisten ist weiblich und die deutschen Verfassungsschutzbehörden analysieren seit 2015 die sich wandelnden Rollen dieser Jihadistinnen in den Jihad-Gebieten Syriens und des Irak. Hier werden die Funktionen der deutschen Jihadistinnen für den „Islamischen Staat“ (IS) untersucht. Aktuell muss sich die deutsche Jihadistin Jennifer W. – eine Konvertitin aus Lohne in Niedersachsen – vor dem Oberlandesgericht München wegen ihrer Vergangenheit bei der islamistischen Terrororganisation verantworten.                     

Strafverfahren gegen Jennifer W.

Im Zuge der Ermittlungen gegen Jennifer W. wurde nun kompromittierendes Material auf ihrem Telefon entdeckt. Nach Polizeiangaben hat die deutsche Jihadistin Jennifer W. Bilder von Enthauptungen und eine Anleitung zum Bombenbau auf ihrem Handy und ihrem Computer gehabt. Die Bundesanwaltschaft klagt die deutsche Jihadisti an, im Irak Mitglied des IS gewesen zu sein. Der grauenvollste Vorwurf ist dabei folgender: Sie soll im irakischen Falludscha ein fünf Jahre altes jesidisches Mädchen als Sklavin gehalten und zugesehen haben, wie ihr Ehemann das Kind in praller Sonne ankettete und qualvoll verdursten ließ. Sie ist wegen Mordes, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland und Kriegsverbrechen angeklagt und damit die erste deutsche Jihadistin, die sich vor Gericht verantworten muss.

Mehr als ein Fünftel der deutschen Jihad-Reisenden ist weiblich

Nach Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz sind mit Stand vom Frühjahr 2019

mehr als 1.050 deutsche Islamisten bzw. Islamisten aus Deutschland in Richtung Syrien/Irak gereist. Mehr als ein Fünftel der deutschen Jihad-Reisenden (Foreign Fighters) ist weiblich. Der überwiegende Teil der insgesamt gereisten Personen ist jünger als 30 Jahre.

Zu etwa der Hälfte der deutschen Jihad-Reisenden (Foreign Fighters) liegen den Verfassungsschutzbehörden konkrete Anhaltspunkte vor, dass sie auf Seiten des „Islamischen Staates“ und der Al Qaida oder denen nahestehenden Gruppierungen sowie anderer terroristischer Gruppierungen an Kampfhandlungen teilnehmen bzw. teilgenommen haben.

Unter den deutschen und europäischen Jihad-Reisenden (Foreign Fighters) dominierte lange Zeit das Bild des jungen, männlichen Jihadisten, der sich auf den Weg in die Kampfgebiete in Syrien und im Irak machte. Die Motive für die deutschen und europäischen Jihadistinnen können nach Angaben der deutschen Sicherheitsbehörden sowohl religiöser als auch weltlicher Natur sein (häufig eine Mischung aus beidem).  Einmal in den Kampfgebieten angekommen, nutzen viele der Jihadistinnen die sozialen Netzwerke, um ihr Leben im „Islamischen Staat“ positiv zu beschreiben und so für weitere Ausreisen zu werben. Hierbei stellte sich immer die Frage, ob solche Erlebnisberichte auf tatsächlichen Erfahrungen beruhen oder aber durch die Propagandamaschine des IS zensiert und für eine gezielte PR-Kampagne missbraucht wurden.

Leben im „Islamischen Staat“ wird als positiv beschrieben

Die Jihadistinnen, die sich im Einflussgebiet des IS aufhielten, priesen im Internet die Vorzüge des dortigen Lebens. Besonders wurde betont, dass viele der Verpflichtungen, denen man in Deutschland nachkommen müsse, im IS nicht existierten. Man könne frei von Diskriminierung und behördlicher Schikane leben:

„Mal unabhängig davon das ab und zu Bomben auf uns fallen gibt es nichts worüber man sich Gedanken machen muss (…) Keine Behörde die dich regelmäßig einlädt, sei es Jobcenter, Ausländerbehörde oder sonst der gleichen Kein Schock das jemand 6 Uhr morgens vorbei mit 12 Mann kommt und deine Wohnung auseinander nimmt Keine miesen Blicke was deine Kleidung betrifft Kindern können mit Alles spielen ohne sich Gedanken zu machen das es dem Jugendamt nicht gefallen könnte (…) Die einzigen Gedanken mit denen man sich beschäftigt ist, ist Allah mit mir zufrieden wenn ER mich zu sich nimmt.“

Seit 2018 mehren sich in der Berichterstattung über europäische und deutsche Jihadistinnen allerdings Anzeichen dafür, dass auch diese in aktive und/oder unterstützende Kampfhandlungen involviert waren. Daneben sollen auch zahlreiche Jihadistinnen aktive Funktionen bei der menschenverachtenden Tugendpolizei des IS, der Hisba, übernommen haben. Der begutachtende Psychiater im Prozess gegen Jennifer W. analysiert die Rolle von Jihadistinnen wie folgt: „Sie waren ein Teil dieser Gemeinschaft und haben sich in extremster Weise auch an Folter und am Tod von Menschen beteiligt.“ Für Frauen aus Europa scheint es psychologisch wichtig gewesen zu sein, sich zu beweisen, dass sie „echte und gute Musliminnen seien“, dies hätten sie durch Radikalisierung und durch menschenverachtendes Verhalten getan.

Extremistisch geprägtes Umfeld der zurückkehrenden Jihadistinnen

Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnt seit dem Mai 2018 vor nach Deutschland zurückkehrenden Jihadistinnen und den bis dahin wenig beachteten Risikobereich einer (früh-)kindlichen jihadistischen Sozialisation durch ein jihadistisch geprägtes soziales Umfeld.

Haben sich nach Europa und Deutschland zurückgekehrte Familien und Jihadistinnen nicht von der jihadistischen (IS-)Ideologie gelöst, sei es nach Angaben des Verfassungsschutzes sehr wahrscheinlich, dass sie sich weiterhin in einem extremistisch geprägten Umfeld bewegen. Für die Kinder dieser Jihadistinnen und Jihadisten bedeutet dies, dass sie sich auch weiterhin in einem Umfeld befinden werden, das jihadistische Werte, Normen und ein Weltbild fördert, wenn auch möglicherweise nicht ganz so extrem wie in den Kampfgebieten. Je weniger Kontakt die Kinder in Deutschland mit Personen und Einrichtungen außerhalb des jihadistischen Spektrums haben, desto höher ist nach Angaben der Verfassungsschutzbehörden die Wahrscheinlichkeit, dass sich ihr jihadistisches Weltbild verfestigen kann. 

 

In den Text eingeflossene Quellen:

Bundesamt für Verfassungsschutz (2019): Islamistisch motivierte Reisebewegungen in Richtung Syrien/Irak; 5.6.2019.

Bundesamt für Verfassungsschutz (2018): Neue Jihad-Generation? Dynamiken in der jihadistischen Sozialisation in Deutschland; 05.06.2019.

Bundesamt für Verfassungsschutz (2015): Jihadistinnen werben online Frauen für den sogenannten Islamischen Staat; 5.6.2019.

Die Welt (2019): Prozess in München. Brutales IS-Propagandamaterial auf Jennifer W.s Handy gefunden; 5.6.2019.

FOCUS (2019): Prozess gegen Jennifer W.; 5.6.2019.

 

Autor: Goertz, Dr. Stefan

Anlass: Jihadistinnen

Über ein Fünftel der über 1.050 deutschen Jihadisten ist weiblich und die deutschen Verfassungsschutzbehörden analysieren seit 2015 die sich wandelnden Rollen dieser Jihadistinnen in den Jihad-Gebieten Syriens und des Irak. Hier werden die Funktionen der deutschen Jihadistinnen für den „Islamischen Staat“ (IS) untersucht. Aktuell muss sich die deutsche Jihadistin Jennifer W. – eine Konvertitin aus Lohne in Niedersachsen – vor dem Oberlandesgericht München wegen ihrer Vergangenheit bei der islamistischen Terrororganisation verantworten.

Sachbereich: A2 Aktuelles und Grundlagen - Sicherheitsrisiken/Bedrohungen

Schlagwörter: Jihadistinnen , Terrororganisation , Islamischer Staat, Al Qaida , Jihad-Reisende , Foreign Fighters , Tugendpolizei, Folter

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