Boorberg Verlag

Yakuza - Japanische Mafia: Kriminelle Aktivitäten und humanitäre Hilfe

13.05.2011

Yakuza - Januskopf der japanischen Mafia - Nächstenliebe und durchtriebener Geschäftssinn im Visier des Wiederaufbaus?

Yakuza bedeutete ursprünglich "Taugenichts" (Ro-Ku-De-Na-Shi) oder "Unnützes" (Ya-Ku-Ta-Ta-Zu) und stammt aus den Zeichen Ya, Ku und Za, d.h. acht, neun und drei. Das bezieht sich auf das Kartenspiel "Hanafuda": Sieger ist, wer die höchsten Punktzahl hat, es sei denn, die Summe beträgt zehn, 20 oder 30. Das Spiel ist mit Blackjack vergleichbar.
Die übertragene Bedeutung meint Menschen, die in der Gesellschaft keinen Nutzen haben und ihr zur Last fallen. Die Organisationen der Berufsspieler werden "Bakuto" genannt. Die Mitglieder binden sich wie eine Familie eng aneinander. Es herrscht eine feudalistische, teilweise konfuzianisch geprägte Moral. Schutz und Fürsorge von oben und Treue und Gehorsamkeit von unten sind die strengsten Pflichten.

Japanische Gangs

Im Ausland sind japanische Gangs als Yakuza bekannt. In Japan wird von Boryokudan (gewalttätige Gruppen) gesprochen. Japanische Banden sind vom Ursprung her dreigeteilt:
  • Bakuto (Spieler),
  • Tekiya (Drogenhändler oder Schwarzmarkthändler) und
  • Gurentai (Straßenrowdies).
Bakuto und Tekiya wurden von den Geächteten aus dem untergehenden Feudalsystem im 17./19. Jhdt gegründet. Seit ihrer Entstehung sind ihnen Subkulturen wie der kurzlebige Hedonismus und die Verachtung fleißiger Arbeit gemeinsam. Vor dem 2. Weltkrieg nahmen sie ein dauerhaftes Territorium für ihre Aktivitäten in Anspruch unter der Ethik der Ninkyo-do, einer Art ritterlichem Geist, dem Kern dessen, das aus konventionellen Tugenden wie Giri (moralische Pflicht und Verpflichtung) und Ninjo (Einfühlungsvermögen und Menschlichkeit) besteht.

Boryokudan (gewalttätigen Banden)

Gesetzgebung, Polizei und Wissenschaft sprechen von Boryokudan, weil Yakuza sich mehr auf das einzelne Mitglied solcher Banden bezieht. Nach 1955 bürgerte sich dies für alle Formen der OK ein. Dies insbesondere zur Erfassung auch der Organisierten, die sich der Tradition und den Überzeugungen der Yakuza nicht verpflichtet sahen (also Gurentai und Champira).
Mit dem Begriff Boryokudan versucht die Polizei, die verklärenden Assoziationen, die das Wort Yakuza immer noch weckt, zu vermeiden. "Boryoku-Dan" bedeutet Bande des organisierten Verbrechens. Man kann dem ausländischen Sprachgebrauch folgen und Yakuza sowohl für Banden, als auch für die einzelnen Mitglieder benutzen.
Die Polizei definiert "Boryoku-Dan" als eine Organisation, die zur kollektiven Begehung gewaltsamer, illegaler Akte neigt oder ständig ihre organisatorische bzw. gemeinsame Macht dazu benutzt. Kennzeichen derartiger Organisationen sind
  • die hohe Kriminalitätsbelastung,
  • besondere Organisationsprinzipien,
  • Einflusssphären im öffentlichen Leben sowie
  • die Verfolgung ökonomischer Zwecke durch die Verübung von Gewalt.

Charakteristika der japanischen Mafia

Die Yakuza ist eine Mafiaorganisation mit Zukunftsperspektiven, weil sie kaufmännisch, strategisch und politisch mit Kalkül still ihre beeindruckende Macht kundtut. Nicht nur die Politik, sondern weltweit auch japanische Konzerne werden wirkungsvoll beeinflusst. Die Yakuza ist in Japan allgegenwärtig. Sie ist national in ihrer Pflege für die Tenno-Tradition, sie ist da, wo der Staat "Lücken" zulässt und genießt ein "Robin Hood-Image". Ihre Gefährlichkeit ist perfekte Untergrundarbeit im Umgarnen von Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft. Das vielfältige Alltagsgesicht hat auch schon in Europa Fuß gefasst.
Die Syndikate haben Japans Nachkriegsgeschichte entscheidend mitbestimmt. Sie halfen, Premierminister an die Macht zu bringen und wieder zu stürzen und wurden als Wirtschaftsfaktor so wichtig wie Sony oder Mitsubishi. Aber die Yakuza macht in Japan keine Schlagzeilen. Es ist unjapanisch, über OK nur zu reden, so lange alles gruppenkonform seitens ihrer Mitglieder verläuft.
Die Yamaguchi-Gumi mit Sitz in Kobe ist die größte Mafia-Gruppe und fast ebenso mächtig ist die Matsuda-Gumi. Die Sumiyoshia-Rengo und die Inagawa-Kai haben ihren Sitz in Tokio. Alle operieren in einem strikt hierarchischen System, in das verdeckte Ermittler nicht infiltrieren können.

Humanitäre Hilfe durch die Yakuza

Alle organisierten Verbrechergruppen haben ihre Initiationsriten, die der Yakuza sind bizarrer als die anderer Gruppen. 1995 forderte das Erdbeben in Kobe 6400 Tote. Der Staat versagte kläglich bei der Katastrophenhilfe. Organisierte Gruppen der Yakuza halfen bei der Erstversorgung der Menschen.
Katastrophenschutz hat in Japan nicht das hohe Niveau wie in Deutschland, obwohl Japan von Erdbeben gefährdet ist und der Ausbruch des Vulkans Fudschiyama, südwestlich von Tokio, stündlich bevorsteht.
Durch humanitäre Hilfe der Yakuza blieben Plünderungen weitgehend aus. Staatliche Hilfen mit dringend benötigten Gütern kamen erst mit tagelanger Verspätung im Krisengebiet an, Notunterkünfte wurden gar nicht erst bereitgestellt. Auch 2011 verteilten die Gangster Essen und Decken. Die drei größten Yakuza-Gruppen haben Dutzende von LKW mit mehreren hundert Tonnen von Nahrungsmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs in die von den Erdbeben und Tsunami betroffenen Regionen geschickt.
Nach dem verheerenden Erdbeben, das Japan tiefgreifend verändert und die Welt erschüttert hat, vergingen nur Stunden, bis die Mafia in Aktion trat: Die Inagawa-Kai schickte z.B. 25 Lastwagen ins Erdbebengebiet in der Region Tohuku. Auch das mächtigste Syndikat Yamaguchi-Gumi versorgt derzeit die notleidende Bevölkerung mit dem Nötigsten, ohne sich vor radioaktiver Strahlung zu fürchten.

Ordnungsfaktor in der japanischen Gesellschaft

Anders als bei uns operiert die Yakuza nicht im Untergrund, die bloße Mitgliedschaft ist denn auch nicht strafbar. Die verschiedenen Yakuza-Gruppen haben ihre Hauptquartiere ganz offiziell in gläsernen Bürokomplexen und ihre Mitglieder - konstante Mitgliederstärke seit vielen Jahren 80.000 - weisen sich auch mit einer Visitenkarte aus. Es gibt eine gesellschaftliche Akzeptanz der Yakuza. Sie ist in der breiten Öffentlichkeit ein notwendiges Übel, um die Kriminalitätsrate niedrig zu halten.
Markant ist das Beispiel des Besuchs von US-Präsident Obama im November 2010 in Tokio. Der Polizeipräsident kontaktierte alle lokalen Mafia-Bosse und hielt sie an, sich ruhig zu verhalten und Probleme zu verhindern. Der Staat hat ein Interesse an einer intakten Struktur der Yakuza, solange sie nicht im großen Stil negativ auffällt. Zudem fehlen Kapazitäten, um zehntausende Mitglieder in Strafvollzugsanstalten zu schicken. Man spricht vom "Face Saving Victory", wie es der kanadische Kriminologe Clifford nannte.

Uneigennütziger "Pseudo-Nimbus" verhehlt nicht die kriminellen Aktivitäten

Vergessen werden dürfen nicht die illegalen Betätigungsfelder der japanischen Mafia: Drogenhandel, Schutzgelderpressungen, Auftragsmorde und die Erscheinungsformen der OK, wie u.a. Prostitution, Glücksspiele und illegale Finanztransaktionen. Auch wenn es markig heißt, man will als helfender Mafioso unerkannt bleiben, dass der Staat die Hilfe nicht zurückhält, zumal es in dieser "Atomgaudesasterzeit" keine Yakuza-Mitglieder, keine Normalbürger und keine Ausländer gibt, sondern nur Japaner.

Wie vieles andere ist dieser Vorgang für uns Europäer schwer durchschaubar. Diese Banden scheinen eine Mischung aus "Rotariern" und "Mafiosi" zu sein, mal zu großen Wohltaten, aber auch zu Verbrechen befähigt. Wenn man damit noch die Vorstellung eines modernen Industriestaates mit seinen Anfälligkeiten verbindet, gibt das eine kritische Masse mit hohem Gefahrenpotential.
Vergessen darf man auch nicht das vorsätzliche, sich rechnende Kalkül im Visier des kommenden Wiederaufbaus in Japan. Schlecht fürs Geschäft bei all der Linderung der Notleidenden ist das Flaggezeigen in den Katastrophengebieten nicht. Den Bewerbungen ihrer Bauunternehmen für die Großaufträge beim anstehenden Wiederaufbau in der nahen und fernen Zukunft wird es jedenfalls nicht schaden, ebenso auch bei anderen Aktivitäten nicht, wo auch der "kleine Mann" wieder abgezockt und ausgenommen wird.

Autor: Robert F.J. Harnischmacher

Anlass: Yakuza, Japanische Gangs

Die Herkunft des Wortes Yakuza lässt richtig vermuten, dass ihr historischer Ursprung im beruflichen Glücksspiel des Mittelalters zu suchen ist. Bis in die jüngste Zeit hat sich die Yakuza ihre Macht und ihren politischen Einfluss erhalten können. Neben kriminellen Aktivitäten bis zur OK leisten organisierte Verbrechergruppen wie die Yakuza auch humanitäre Hilfe. Uneigennütziger "Pseudo-Nimbus" verhehlt jedoch nicht die kriminellen Aktivitäten in der Zukunft.

Sachbereich: A2 Aktuelles und Grundlagen - Sicherheitsrisiken/Bedrohungen

Schlagwörter: Boryokudan, Japan, Mafia Japan, Yakuza


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