Boorberg Verlag

Das Dunkelfeld der Kriminalität

10.06.2010

Dunkelfeldstudien

In der Polizeilichen Kriminalstatistik - PKS (vgl. Kurzübersicht: Polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2009 [Marcel Kuhlmey], Sicherheitsmelder vom 25.5.10) werden polizeibekannte Straftaten in der sog. Hellfeld-Kriminalität abgebildet. Das Dunkelfeld umfasst Delikte, die nicht bekannt werden. Dunkelfeldstudien relativieren die Zahlen des Hellfeldes: Das Dunkelfeld einer Deliktart ist umso größer, je geringer der jeweils verursachte Schaden ist.
Beispiel Ladendiebstahl
Rückschlüsse aus der Inventurdifferenz lassen auf das Dunkelfeld schließen. Diese lag 2009 bundesweit bei 3,9 Milliarden Euro. Bei genauer Betrachtung gehen ca. 2 Milliarden Euro der Inventurdifferenz auf Ladendiebstahl und 800 Millionen auf Mitarbeiterdiebstahl zurück. Ferner führen Diebstähle durch Lieferanten, Servicekräfte und organisatorische Fehler zur Inventurdifferenz. Dieser Studie zufolge bildet die PKS weniger als 5 % der Ladendiebstähle ab, pro Verkaufstag bleiben rund 100 000 Ladendiebstähle mit einem durchschnittlichen Warenwert von 63 Euro im Dunkelfeld.

Das Dunkelfeld ist umso kleiner, je höher der durch das Delikt verursachte Schaden ist.
Beispiel Tötungsdelikte
Eine Untersuchung von 13.000 Todesfällen ergab, dass 350 Todesfälle im Rahmen der ärztlichen Leichenschau fälschlich als natürlich eingestuft wurden. 92 dieser Fälle waren durch Unfall, Suizid und Tötung zu erklären. Zwar werden von der Polizei laut PKS 95,7% der Tötungsdelikte aufgeklärt. Jedoch ist davon auszugehen, dass einem registrierten Tötungsdelikt zwei bis drei nicht entdeckte Fälle gegenüberstehen.

Klassische Dunkelfeldforschung

Die klassische Dunkelfeldforschung arbeitet erfolgreich mit Befragungen von Tätern, Opfern und Informanten, aber auch mit Experimenten und Beobachtungen. Aus Opferbefragungen gehen nachfolgende Daten hervor, die bekannte Phänomene der PKS bestätigen, aber auch völlig neue Aspekte beleuchten:
  • Im Dunkelfeld dominieren auch einfacher Diebstahl und Sachbeschädigung.
  • Massive Gewaltdelikte sind - auch im Dunkelfeld - seltene Ereignisse.
  • Männer werden häufiger Opfer als Frauen.
  • Jüngere Menschen werden häufiger Opfer als ältere Menschen.
  • Bestimmte Migrantengruppen werden häufiger Opfer als Einheimische.
  • Täter werden häufiger Opfer als Nichttäter.
  • Die Anzeigewahrscheinlichkeit ist delikts-, täter- und opferspezifisch und abhängig von Täter-Opfer-Konstellationen
  • Straftaten in der Familie werden seltener angezeigt als vergleichbare Straftaten unter Fremden.
  • Die Struktur der angezeigten Delikte ist aufgrund der Abhängigkeit des Anzeigeverhaltens von der Deliktschwere systematisch in Richtung auf schwerere Delikte verzerrt.
  • Bei Eigentums- und Vermögensdelikten beeinflussen Schadenshöhe und Versicherungsschutz die Anzeigebereitschaft

Praxishinweise

  • Es gibt Aspekte, die für und gegen die Berücksichtigung des Dunkelfeldes sprechen, ohne Dunkelfeldstudien ist eine zuverlässige Aussage über die Kriminalitätslage jedoch nicht möglich.
  • Die bislang in der PKS berücksichtigte Hellfeldkriminalität ist nur ein verzerrter Ausschnitt der Realität. Problemfeld der Dunkelfeldstudien ist die Genauigkeit der Erhebung. Im Gegensatz zur PKS ergeben Dunkelfeldstudien ungenauere Ergebnisse, in ihnen sind noch mehr statistische Tricks und handwerkliche Fehler zu erwarten als in der PKS.
  • Würden Dunkelfeldstudien stärker berücksichtigt, hätte dies auch Auswirkungen auf die öffentliche Diskussion. Wichtige Kennzahlen werden unter Einbeziehung von Dunkelfeldstudien deutlich aussagekräftiger, z.B. die Aufklärungsquote (Straftaten mit bekanntem Täter).
  • Die in der PKS kommunizierte Aufklärungsquote von aktuell 55,6 Prozent käme unter Einbeziehung des Dunkelfeldes zwar in den Promille- und unteren Prozentbereich, hätte damit aber eine Aussagekraft zum Entdeckungsrisiko der jeweiligen Täter.

Autor: Christoph Öxle

Anlass: Kriminalitätsentwicklung, Dunkelfeld

Die Feststellung der Kriminalitätslage ist in Deutschland bislang nur eingeschränkt möglich, da im Vergleich zu Großbritannien und den USA keine jährlich repräsentativen Dunkelfeldstudien durchgeführt werden. Aktuelle Dunkelfeldstudien zeigen die Unschärfe der polizeilichen Kriminalstatistik, so bleiben u.a. Ladendiebstähle gegenüber Tötungsdelikten häufiger im Dunkeln und Vergewaltigungen kommen seltener zur Anzeige als Wohnungseinbrüche.

Sachbereich: A2 Aktuelles und Grundlagen - Sicherheitsrisiken/Bedrohungen

Schlagwörter: Polizeiliche Kriminalstatistik, PKS, Kriminalitätsentwicklung, Dunkelfeld


-