Boorberg Verlag

Bedrohungspotentiale im Personenschutz

28.07.2003

Personenschutz und die Bedrohungen

Gefahren, Risiken, Bedrohungen müssen vom Personenschutz erkannt werden. Oft wiegen sich Schutzpersonen und Sicherheitspersonal in falscher Sicherheit und setzen sich durch unprofessionelles Verhalten und Verkennen der Risiken größeren Gefahren aus. Nicht selten ist das Verhalten des Schutzpersonals oder der Schutzperson selbst eine Bedrohung. Wie Kriminalstatistiken zeigen, nimmt die Gewaltbereitschaft stetig zu. Organisierte Kriminalität und Terrorgruppen suchen nach neuen Wegen, um Ihre Ziele zu erreichen. Dies fordert beim Personenschutz eine angepasste Vorgehensweise.

Die Gegenseite

Neben Bedrohungen der Natur und der modernen Technik können auch Menschen direkt oder indirekt eine Gefahr darstellen oder lebensbedrohend sein. Beim Personenschutz werden diese Menschen und ihr Handeln unter dem Begriff Gegenseite zusammengefasst. Personenschützer müssen Schutzmaßnahmen und Konzepte definieren, sie müssen mit einem gesunden Misstrauen an die Sache herangehen und dürfen sich nicht verleiten lassen, in "Allem und Jedem" eine Gefahr zu sehen. Wissen und Know-how helfen, die Situationen realistisch einzuschätzen und Maßnahmen zu planen.

Gefahrenbereiche

Ordnet man die Gefahren nach ihrem Ursprung, ergeben sich vier Hauptbereiche:
  • Das Leben birgt viele Alltagsgefahren, wie Flugzeugabstürze, Eisenbahnunglücke und Verkehrsunfälle, die ohne jede Absicht der Gegenseite stattfinden können. Feuer, Wasser, Klimabedingungen, kontaminierte Lebensmittel, Krankheiten und andere Einflüsse bergen unzählige Gefahren.
  • Viele auftragsbezogene Gefahren, wie Verletzungen durch Schusswaffen, Bombenexplosionen, Angriffe auf Transportmittel betreffen den Personenschutz entstehen durch die Besonderheit eines einzelnen Auftrages. Auch Aufträge ohne Gegenseite bergen Gefahren, z.B. Kurierfahrten oder Unfälle in Chemiebetrieben.
  • Es gibt auch unpersonifizierte Kriminalität. Die Gegenseite wird ohne Bezug zur Zielperson aktiv. Sie ist einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Hier geht es um Diebstahl, Raub, Carjacking, Überfälle und weitere Übergriffe. Es kann sich auch um Angriffe gegen Örtlichkeiten oder Veranstaltungen sowie Beschaffungskriminalität oder Terroraktionen mit vielen Geschädigten handeln.
  • Personifizierte Kriminalität, wie Delikte, Übergriffe, Gefahren und Bedrohungen, wird direkt gegen eine bestimmte Person ausgeführt. Die Täter verfolgen klare Ziele, sei es Tötung, Entführung, Bestrafung oder anderweitige Schädigung von Personen an Leib und Leben, in deren Handlungsfreiheit oder einfach am Image.

Gefahrenabwehr

Die Abwehr von Gefahren und alle damit verbunden Maßnahmen werden "Safety" und "Security" zugeordnet. Diese Begriffe werden nicht immer fachgerecht umgesetzt. Ganzheitlicher und umfassender Schutz kann aber nur bestehen, wenn beiden Bereichen Rechnung getragen wird. Unter Safety werden alle Sicherheitsmaßnahmen zusammengefasst, die die Alltagsgefahren und auftragsbezogene Gefahren abwehren sollen. Sie schützen vor allgemeinen Gefahren und Bedrohungen, die ohne direkte Absicht einwirken können, z.B. Sicherheitsgurt, Arbeitsschutz.
Zur Security zählen alle Maßnahmen, die direkt oder präventiv vor Gefahr und Bedrohungen schützen, die mit kriminellem Einfluss gegen Leib und Leben, Material, Firmen oder andere Einrichtungen auftreten können, z.B. Personenschutz und Sicherheitskonzepte. Der Personenschutz hat hier seinen Schwerpunkt, doch muss auch dem Safety-Bereich die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt werden. So wird z.B. eine Unmenge Geld für ein Sonderschutzfahrzeug der höchsten Klasse ausgegeben, aber die Sicherheitsgurte aus dem Safety-Bereich werden einfach ignoriert.

Angriffsprozess

Der Angreifer kann die Art und Weise des Angriffs bestimmen. Durch gute Vorbereitung können Übergriffe abgewehrt werden.
  • Sich in keiner Situation überraschen lassen!
Angreifer kennen ihre Umgebung bestens und wissen, welche Schlüsselstellen wann und wie passiert werden. Sie werden versuchen, sich möglichst unerkannt in die Umgebung des Personenschutzes zu integrieren und überraschend zuzuschlagen.
  • Die Umgebung wahrnehmen und beobachten!
Der Angreifer muss die Mobilität des Personenschutzes unterbrechen, der zu Fuß oder mit einem Verkehrsmittel unterwegs ist. In einzelnen Ausnahmen haben Täter mit geringem Erfolg versucht, auch auf fahrende Fahrzeuge zu schießen. Der Täter wird versuchen seine Mobilität aufrecht zu erhalten und Fluchtwege sichern (außer Selbstmordattentäter). Im Bedarfsfall muss der Personenschutz seine Mobilität zur Flucht einzusetzen, durch Fahrzeugbeherrschung oder durch körperliche Leistungsfähigkeit.
  • Die Mobilität aufrecht halten und nötigenfalls einsetzen!
Die Angreifer versuchen alles, um das Kommando auch mit Waffeneinsatz zu erhalten. Weder falscher Heldenmut noch wilde Aktionen, sondern taktisches Geschick sind angebracht. Vielleicht muss auf Forderungen vordergründig eingegangen werden, um versteckte Ziele auf Umwegen zu erreichen. Im Notfall müssen unkonventionelle Lösungen Ziele erreicht und Schaden vermieden werden.
  • Das Kommando nur vordergründig aus der Hand geben!

Angriffsprozess gegen Mobilität

Beachtet der Personenschutz diese Grundsätze, ist er ein sehr "hartes Ziel". Das Erkennen der Schwachpunkte des eigenen Verhaltens und die Umsetzung des definierten Sicherheitskonzeptes sind von besonderer Bedeutung. Die Gegenseite wird als Angriffsstelle eine sog. Schlüsselstelle suchen, an der das Ziel mit größtmöglicher Garantie vorbeikommt und möglichst wenig Raum bleibt. Das Angriffsgebiet muss isoliert sein. In einer dicht bevölkerten Innenstadt gibt es kaum Entführungen. Die Zeit, welche die Gegenseite hat, ist begrenzt. Polizeikräfte wurden schon durch aufwendige Maßnahmen, Unfälle und Bombendrohungen abgelenkt. Der Personenschutz muss auch in der Bewegung auf solche Indikatoren achten und sich mental und physisch vorbereiten.
Da es äußerst schwierig ist, jemanden in einem fahrenden Fahrzeug anzugreifen, benötigt die Gegenseite einen Weg, um Fahrzeuge anzuhalten. Auf den üblichen Strecken gibt es viele Orte, an denen man angehalten werden kann. Sollte die Gegenseite aber gezwungen sein, so wird sie eine Reihe von Methoden anwenden, z.B. Straßensperren, simulierte Unfälle, Anhalter, falsche Verkehrsschilder, Rammen oder Abdrängen, falsche Polizisten oder Kinderwagen. Auch hier gilt es, die Fahrzeuge in Bewegung zu halten und die Mobilität nicht einschränken zu lassen. Um das Kommando über die Schutzperson zu erhalten, eliminieren die Angreifer erfahrungsgemäß zuerst die Sicherheitskräfte. Die ganze Feuerkraft muss rasch und konsequent eingesetzt werden, um die Gegenseite einzuschränken. Die Mobilität muss auch mit einem Sonderschutzfahrzeug behalten und eine Kollisionen auf jeden Fall vermieden werden.

Autor: René Schwarzenbach

Anlass: Personenschutz, Bedrohung

Bedrohungen der Natur, der modernen Technik, der Kriminalität und die Aktivitäten der Gegenseite sind Risiken und Gefahren, die der Personenschutz frühzeitig erkennen muss, um Schutzmaßnahmen und Konzepte zu definieren. Von Bedeutung sind die gute Vorbereitung auf einen Angriff und die jederzeitige Sicherstellung der Mobilität, die im Bedarfsfall auch zur Flucht einzusetzen ist, sei es durch ausgereifte Fahrzeugbeherrschung oder durch körperliche Leistungsfähigkeit.

Sachbereich: A5 Aktuelles und Grundlagen - Aus- und Fortbildung

Schlagwörter: Angriff, Personenschutz, Bedrohung, Gegenseite


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