Boorberg Verlag

Personenschutz in Krisengebieten

03.06.2005

Personenschutz in Krisengebieten

Personenschutz in Krisengebieten stellt völlig neue Herausforderungen an Mensch, Material, Organisation und Einsatzdoktrin. Bewusstsein, Einstellung und Blickwinkel, aber auch Ausrüstung und organisatorische Prozesse müssen dem veränderten Umfeld und der im Krisengebiet herrschenden Kultur angepasst werden. Dies erfordert eine neue und völlig offene Denkweise vom eingesetzten Sicherheitspersonal, das weder der gewohnten Umgebung vertrauen darf noch sich auf bekannte Erfahrungswerte verlassen kann.

Kriesengebiete

Krisengebiete sind Einsatzorte, in denen die politischen, gesetzlichen und sozialen Strukturen nicht mehr funktionieren oder außer Kontrolle geraten sind:
Während/nach kriegerischen Auseinandersetzungen, während der Aufbau- und Restrukturierungsphase, in der Anfangszeit einer Besatzung, bis die Strukturen um- und durchgesetzt sind sowie während internationaler Embargo-Lagen, z.B. in Ex-Jugoslawien, Afghanistan, Irak, usw.
Inmitten militärischer Aktivitäten ist es schwierig, die effektiven Gefahren rechtzeitig zu erkennen und einzustufen. Offen getragene Waffen, Minen, Einsatzpanzer mit Kanonen, Helikopter mit Bewaffnung, Blindgänger, aber auch mit militärischem Material spielende Kinder gehören auf einmal zum gewöhnlichen Alltagsbild.

Schutzziele

Meist sind die Schutzpersonen politische Persönlichkeiten, welche das Krisengebiet bereisen und wegen ihres Status erhöhten Schutz erhalten. Je nach Herkunft, politischer Zugehörigkeit und religiöser Gesinnung sind die Sicherheitskräfte mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert und lösen bei der Bevölkerung Unmut und Groll aus. Es gibt auch Wirtschafts- und Medienvertreter, die Krisengebiete bereisen und Personenschutz anfordern.
Vielfach sind die Arbeits- und Wohnbereiche militärisch und polizeilich abgesichert, was nicht heißt, dass sie deshalb nicht zum Ziel von Angriffen werden können. Ein Problempunkt stellt sich in der Koordination und Zusammenarbeit mit den Objektschutzteams und in der klaren Identifikation (Ausweise, Zutrittsberechtigungen usw.) für den Zutritt in die kontrollierten und gesicherten Bereiche.

Mobilität

Die Mobilitätsphasen sind besonders kritisch, da es eben oft nicht nur gute Straßen, sondern auch Feld-, Wiesen-, Sand- und unbefestigte Straßen zu befahren gilt. Entsprechende Fahrzeuge (offoad-tauglich mit hoher Bodenfreiheit, nach Möglichkeit gepanzert mit hoher Schutzklasse) sind von Vorteil. Auch die Kennzeichnung der Fahrzeuge ist wichtig, damit man nicht zwischen die Fronten gerät und an den Kontrollpunkten auch gut erkannt wird. Vielfach kann man nur gekennzeichnete Straßen befahren und ist sogar gezwungen diese Routen zu nehmen, da sich links und rechts Minenfelder befinden und weitere Gefahren lauern. Es müssen also auch Fluchtrouten entsprechend vorbereitet und erkundet werden.

Kommunikation

Ein weiteres Problem sind die Kommunikationswege und die Kommunikationshilfsmittel. Unterschiedliche Funkfrequenzen und Systeme, ungenügende GSM-Abdeckung und fehlende, sowie meistens abgehörte Verbindungen erschweren die Kommunikation und geben der Gegenseite Aufschluss über Aktivitäten und Absichten des Personenschutzes.

Bedrohungspotentiale

In Krisengebieten sind die Gefahren sehr vielseitig und mit dem gewohnten Raster nicht zu erfassen. Man muss sich auf die lokalen Gegebenheiten einstellen und sich an die neuen Bilder aus der Umgebung herantasten und gewöhnen. Eine große Herausforderung stellt die permanente Ablenkung durch neue Eindrücke und das total veränderte Umfeld dar. Man neigt dazu abzuschweifen und die neuen Eindrücke zu verarbeiten, anstatt sich auf die wesentlichen Gefahren und Risiken zu konzentrieren. Die Gegenseite ist nicht immer klar zu erkennen und arbeitet mit ungewohnten Taktiken. Waffen, Kaliber, Feuerkraft und Gewaltbereitschaft sind meist um ein Vielfaches höher und zwischen den militärischen Aktivitäten nur schwer als effektive Gefahr zu erkennen.

Rahmenbedingungen

Die Rechtsgrundlage des Einsatzes hat weitreichende Konsequenzen vor Ort. Je nach Situation operieren die Sicherheitskräfte in unterschiedlichen Rechtsräumen oder es herrscht nur die Genfer Konvention vor.
Die Infrastruktur ist in Krisengebieten ein generelles Problem. Schlafen, essen und auch die Körperpflege werden zu einer Herausforderung und wirken sich negativ auf die Leistungsfähigkeit aus. Hygieneeinrichtungen sind nur behelfsmäßig aufgebaut und die Gefahr von Krankheiten und Ansteckungen lauert überall. Das Essen ist ungewohnt und kann rasch zu Verdauungsstörungen mit massiven Konsequenzen in Bezug auf die Einsatzbereitschaft führen. In diesen Fällen ist dann leider auch die medizinische Versorgung entsprechend mangelhaft.
Sitten, Gebräuche, Kultur und Religion präsentieren sich auf ungewohnte Weise und verlangen Offenheit, Respekt und adäquaten Umgang, gepaart mit einem gesunden Misstrauen, um auch hier mögliche Gefahren rechtzeitig zu erkennen.
Wetter und Klima erfordern entsprechende Vorbereitungen und richtiges Verhalten. In heißen Gebieten gehört das Trinken von Wasser auch während dem Einsatz einfach dazu, ebenso wie das Tragen von entsprechender Klimaschutzausrüstung, also Sonnen- und Regenschutz. Das Klima hat einen enormen Einfluss auf die Konzentration und die Leistungsfähigkeit jedes Einzelnen sowie auf die gesamte Motivation des Teams.
Auch auf wilde und gefährliche Tiere muss man sich einstellen und die angepasste Gefahrenabwehr beherrschen. Der medizinische Notfallkoffer und das Personal sollten auch auf solche Notfälle vorbereitet und ausgerüstet sein.
Eine weitere Herausforderung ist die Kommunikation und Verständigung mit der Bevölkerung sowie den internationalen Sicherheitskräften und Partnerorganisationen. Das Beherrschen von Fremdsprachen ist eine wichtige Voraussetzung, garantiert aber noch lange keine lokale Verständigung.

Praxishinweise

Eine umfassende Lagebeurteilung und eine sorgfältige Einsatzvorbereitung im materiellen, organisatorischen und personellen Bereich sind notwendig in Bezug auf Taktik, Safety, Security, Gefahrenabwehr sowie psychische und physische Leistungsfähigkeit und örtliche Gegebenheiten.
Trotz verändertem Umfeld und offensiverer Arbeitsweise muss man sich permanent auf das Wesentliche konzentrieren und darf sich nicht von neuen und ungewohnten Eindrücken ablenken lassen.

Autor: René Schwarzenbach

Anlass: Personenschutz, Krisengebiet

Personenschutz in Krisengebieten stellt völlig neue Herausforderungen an Mensch, Material und Organisation. Die Mobilität ist durch die örtlichen Verhältnisse erschwert, die Kommunikation eingeschränkt und die Bedrohung größer. Versorgung, Klima und Kommunikation erschweren den Einsatz. Trotz verändertem Umfeld und offensiverer Arbeitsweise dürfen sich die Sicherheitskräfte nicht von ungewohnten Eindrücken ablenken lassen.

Sachbereich: A5 Aktuelles und Grundlagen - Aus- und Fortbildung

Schlagwörter: Personenschutz, Krisengebiet


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