Boorberg Verlag

Konfliktmanagement - wie weiter ?

07.03.2003

Praxishinweise zum Konfliktmanagement

Im novellierten Bewachungsrecht (§ 34a GewO, insbesondere §§ 4 und 5a BewachV) wird dem non-aggressiven Verhalten im Umgang mit Menschen und der Anwendung von Deeskalationstechniken in Konfliktsituationen großes Gewicht beigemessen.

§ 4 BewachV befasst sich mit den Anforderungen zum Unterrichtungsverfahren:
"Die Unterrichtung umfasst für alle Arten des Bewachungsgewerbes insbesondere die fachspezifischen Pflichten und Befugnisse folgender Sachgebiete: ..."
Nr. 5. "Umgang mit Menschen, insbesondere Verhalten in Gefahrensituationen und Deeskalationstechniken in Konfliktsituationen, ..."

§ 5 a BewachV legt Zweck und Betroffene der Sachkundeprüfung fest: ...
"Gegenstand der Sachkundeprüfung sind die in § 4 aufgeführten Sachgebiete;.".

Die Befähigung, Konflikte zu vermeiden oder konstruktiv zu handhaben, ist allerdings seit jeher ein "Muss" professioneller Sicherheitsdienstleistung. Gleichwohl gibt es auf diesem Sektor noch Lücken, die auch mit einer Gesetzesnovelle nicht geschlossen werden können:

1.

Die ersteLücke besteht in einer verengten Problemsicht, die der Komplexität des Themas zu wenig Aufmerksamkeit widmet. Mit dem "mechanischen Einpauken" einschlägiger Deeskalationstechniken allein entsteht noch keine Fähigkeit zur Konfliktbewältigung. Wäre es nicht wichtig, von den psychologischen Grundlagen der Kommunikation über rhetorische Standards, einfühlsames Verstehen, Selbstwertgefühl und Stressmanagement bis zu den situativen Eskalationsgefahren und deren Überwindung das praxisrelevante Rüstzeug für Sicherheitspersonal zu vermitteln?

2.

Die zweiteLücke entsteht durch die - m. E. unbegründete - Sorge, die Unterrichtung und/oder Ausbildung von Sicherheitsmitarbeitern/innen könne zu stark theoretisiert bzw. überzogen "verwissenschaftlicht" werden. Im Ergebnis derartiger Besorgnisse wird verschiedentlich mit relativ "abgeflachten" Wissensinhalten operiert, die der Hörer in die Rubrik "kenn ich schon" einordnet und an sich "vorbeirauschen" lässt. Sollte dem nicht mit praktischen Trainingselementen entgegengewirkt werden? Dies würde zwar den Rahmen einer "reinen" Unterrichtung sprengen, aber dem gesetzten Ziel dienen.

3.

Eine dritte Lücke ergibt sich aus der nicht selten praktizierten Verfahrensweise, den Inhalt psychologischer Fachbücher für den Unterrichtungszweck "umzustricken", ohne die Realität des Sicherheitsdienstes kritisch zu hinterfragen. Kann ohne ausreichende Kenntnisse über jene Situationen, in denen Sicherheitskräfte "operieren" müssen, praxisorientiert unterrichtet werden ?

4.

Eine vierteLücke resultiert aus dem Weglassen tätigkeitsbezogener Handlungsempfehlungen. Verschiedentlich werden die erforderlichen Wissensinhalte zwar solide vermittelt, jedoch mit dem Ableiten von Schlussfolgerungen für die tägliche Arbeit wird das Sicherheitspersonal "allein gelassen". Das dürfte aber - bei allem Respekt vor den Betroffenen - vielfach zur Überforderung führen. Wäre es nicht besser, für die unterschiedlichen Situationen auch "Lösungsmuster" anzubieten ?

5.

Eine fünfte Lücke erwächst aus der fehlenden Erfahrung, Rollenspiele praxisorientiert und zielführend zu gestalten. Um diese Lücke zu schließen, bedarf es sowohl einer entsprechenden Rollendefinition als auch der entsprechenden methodisch-didaktischen Gestaltung (von der Vorbereitung bis zur nachhaltigen Auswertung) dieser Unterrichtsform. Wäre es nicht sinnvoll, hierfür Fachliteratur bereitzustellen, die sich an den Bedingungen der Sicherheitsbranche orientiert ?


Der Verfasser nimmt nicht für sich in Anspruch, über "Patentrezepte" zu verfügen. Er ist aber der festen Überzeugung, dass die konstruktive Beantwortung der oben aufgeworfenen Fragen wesentlich dazu beitragen kann, die gesetzlich vorgeschriebenen Unterrichtungen und damit auch die Qualität von Sicherheitsdienstleistungen zu optimieren.


Autor: Dr. phil. Ulrich Jochmann

Anlass: Bewachungsverordnung, § 4, Nr. 5, Datum: 22.07.2002, Gültig ab: 01.01.2003

Das Bewachungsgewerberecht fordert zum Umgang mit Menschen insbesondere die Unterrichtung zu Verhalten in Gefahrensituationen und Deeskalationstechniken in Konfliktsituationen. Konflikte zu vermeiden oder konstruktiv zu handhaben, gehörte schon immer zu professioneller Sicherheitsdienstleistung. Gleichwohl gibt es noch Lücken, die nicht vom Gesetzgeber geschlossen werden können.

Sachbereich: A5 Aktuelles und Grundlagen - Aus- und Fortbildung

Schlagwörter: Deeskalation, Konfliktbewältigung, Kommunikation, Stressmanagement


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