Boorberg Verlag

Professionelles Reisemanagement - Sicherheit im Ausland

03.02.2006

Sicherheit auf Auslandsreisen

Die Globalisierung der Märkte fordert von Unternehmen verstärkte weltweite Präsenz. Deshalb nehmen immer mehr Firmen ihre geschäftlichen Verpflichtungen auch in Risikogebieten wahr. Nicht nur die Geschäftsreisenden, sondern auch Expatriates (= ständig im Ausland lebende Personen) oder Individualreisende werden dort neben fremden Kulturen, anderen Sitten und Gebräuchen mit mannigfaltigen Gefahren, terroristischen Anschlägen oder allgemeiner Kriminalität, konfrontiert. Insbesondere in Schwellenländern ist die Polizei nicht mehr in der Lage, ein an europäischen Maßstäben gemessenes Sicherheitsniveau zu gewährleisten.

Sowohl aus Fürsorgegründen, als auch aus ökonomischen Überlegungen sind Unternehmen gut beraten, bei ihrem wirtschaftlichen Engagement in Risikoländern und bei Auslandsreisen der Mitarbeiter dem Sicherheitsaspekt eine hervorgehobene Bedeutung beizumessen.
Nur in wenigen Unternehmen wird erkannt, dass Sicherheit eine Schlüsselrolle in allen Bereichen unternehmerischen Handelns einnehmen muss. Reisemanagement beginnt weit vor der eigentlichen Geschäftsreise und überfordert in der Regel den einzelnen Reisenden.

Länderinformationen

Unabdingbar sind aktuelle und zuverlässige Informationen zu dem betreffenden Land und der bereisten Region. Neben ausländischen Anbietern stellt das Auswärtige Amt Informationen zur Verfügung. Unternehmen bemängeln bei ausländischen Anbietern zu Recht eine fehlende Fokusierung auf deutsche Interessen. Zum Beispiel ist zurzeit die Lageeinschätzung im Nahen oder Mittleren Osten für ein englisches oder amerikanisches Unternehmen anders zu beurteilen als für ein deutsches. Aus anglo-amerikanischer Sicht ist das Gefahrenpotenzial in dieser Region als sehr hoch zu bewerten. Hingegen ergibt sich für deutsche Unternehmen ein geringeres Bedrohungspotenzial bis hin zum greifbaren Wettbewerbsvorteil. Die sicherheitsrelevanten Einschätzungen des Auswärtigen Amts leiden oftmals unter politischer Rücksichtnahme und Gefahr unerwünschter diplomatischer Folgen sowie der in Teilbereichen fehlenden zeitlichen Aktualität.
Länderinformationen sollten nicht nur die obligaten Inhalte über Politik, Wirtschaft, Kultur, wichtige Rufnummern und Notfallnummern enthalten, sondern ebenso umfangreichen Aufschluss zur allgemeinen Sicherheitslage, aktuellen Sicherheitsrisiken, möglichen Bedrohungen durch Kriminalität, Terrorismus, Entführungen und dergleichen mehr geben.

"Entführungsindustrie" Irak

Im Irak hat sich 2004 eine regelrechte "Entführungsindustrie" entwickelt. Bis März 2004 waren nur wenige Entführungen von Ausländern bekannt, dann explodierte die Lage und es wurden bereits 59 Ausländer entführt. Am Anfang standen religiöse oder politische Motive im Vordergrund der Entführer. Mittlerweile zeichnen kriminelle Banden für den Großteil der Entführungen verantwortlich. Ihr Hauptmotiv ist Geld. So sind neben politisch motivierten Terroristengruppen vor allem viele Schwerkriminelle die Täter, die sich aus freigelassenen Strafgefangenen des alten Regimes rekrutieren. Etwa ein Viertel der über 100 aufständischen Gruppen im Irak sind ebenfalls in diese Entführungsindustrie involviert. Alleine auf das Konto der drei Hauptgruppen (Al Qaeda, Ansar al Sunnah und Iraqi Islamic Army) gehen über 70 Entführungen mit 40 Toten.

Spezielle Briefings

Über die Länderinformationen und Handlungsempfehlungen hinaus, sind die Unternehmen gut beraten, die Geschäftsreisenden in speziellen Briefings auf mögliche Gefahren und Risiken vorzubereiten. Briefings können sich wie folgt gliedern:
  • Tipps zur Reisevorbereitung,
  • Realistische Einschätzung von Gefahren im Reiseland (Zahlen, Daten, Fakten),
  • Training und Steuerung der Aufmerksamkeit (Trigger-Modell),
  • Hintergrundinfos zu Kriminalität und Terrorismus,
  • Nutzung von Verkehrsmitteln und Hotels im Reiseland unter Sicherheitsaspekten,
  • Täter- und Opferverhalten in Konflikt- und Stresssituationen,
  • Dokumenten- und Datensicherheit (Diebstahl und Know-how Schutz),
  • Verhalten bei Unruhen, terroristischen und kriminellen Angriffen (Raub, Kidnapping) und
  • Training zu sicherem Verhalten in ausgewählten Situationen.
Den Geschäftsreisenden sollten konkrete Risikovermeidungs- u. Verhaltensstrategien empfohlen werden. Im Einzelfall kann dies z. B. bedeuten, dass dem Reisenden konkrete Tipps hinsichtlich seines Verhaltens am Flughafen oder Bahnhof, im Rahmen seines Transfers zum Hotel, im Hotel, für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel gegeben werden.

Planung und Durchführung der Reise

Die Reiseplanung hat je nach Reiseziel, -zeit und -dauer zeitgerecht zu erfolgen. Sie nimmt erfahrungsgemäß am meisten Zeit in Anspruch. Der Grund dafür liegt im Vorsorgeaspekt. Je intensiver und detaillierter hier gearbeitet wird, desto weniger Aufwand muss anschließend bei der Vorbereitung betrieben werden. Bei Planung, Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung ist wichtig, dass vor der Planung Klarheit über Reisezweck, Reiseziel, Reisezeit und Reisedauer herrscht.
Bei der Vorbereitung einer Reise ist das systematische Abarbeiten von erstellten Checklisten, welche die personelle und materielle Reisebereitschaft enthalten, ein praxisrelevantes Hilfsmittel. Diese Checklisten sollten schon in der Planung ausgearbeitet und erstellt werden. Darüber hinaus sind folgende Verhaltensweisen in dieser Phase zu empfehlen:
  • Einweisung und Schulung von Funktions- und Schlüsselpersonal,
  • Laufende Beurteilung der (Sicherheits-) Lage auf Änderungen und
  • Screening aller festgelegten Maßnahmen.
Die Reisedurchführung gliedert sich in Anreise, Aufenthalt (am Ort oder wechselnde Orte), ggf. Kurzreisen/Exkursionen (sind einzeln zu beurteilen) und Abreise. Erhöhte Sicherheit in dieser Phase wird erfahrungsgemäß durch saubere Planung und Vorbereitung begünstigt. Die in der Planungsphase erarbeiteten eigenen Maßnahmen zur Risikominderung sollten hier konsequent umgesetzt werden. Bei einer Veränderung der Situation vor Ort oder im Krisenfall ist es ratsam, ein kompetentes Krisenmanagement verfügbar zu haben.

Nachbereitung ist zugleich Vorbereitung der nächsten Reise

Eine standardisierte Form hilft bei der nächsten Reise auf Neuerungen reagieren zu können und Schwachstellen zu minimieren. Dazu können folgende Fragestellungen ein Anhalt sein:
  • War die Beurteilung zutreffend oder wird das nächste Mal externe Hilfe benötigt?
  • Wie zweckmäßig waren die eigenen Maßnahmen?
  • Was für neue Erkenntnisse wurden gewonnen?
  • Verbessert ein Debriefing oder eine Schulung von Funktions- und Schlüsselpersonal die Sicherheitslage anderer Geschäftsreisender des Unternehmens?

Praxishinweise

Trotz gründlicher Reisevorbereitung und -durchführung ist ein Restrisiko nicht gänzlich auszuschließen.
  • Um den Entscheidungsträgern in Notsituationen die Möglichkeit zu geben, angemessen und effektiv zu reagieren, ist der Aufbau eines professionellen Krisenmanagements, welches eine 24 Stunden/365 Tage Erreichbarkeit hat, unabdingbar.
  • Das Krisenmanagement des Unternehmens muss entsprechendes Wissen aufbauen oder einen kompetenten und unabhängigen Sicherheitsberater einschalten.



Autor: Walfried O. Sauer

Anlass: Auslandsreisen

Sowohl aus Fürsorgegründen, als auch aus ökonomischen Überlegungen sind Unternehmen gut beraten, bei ihrem wirtschaftlichen Engagement in Risikoländern und bei Auslandsreisen dem Sicherheitsaspekt eine hervorgehobene Bedeutung beizumessen. Länderinformationen sollten auch mögliche Bedrohungen durch Kriminalität, Terrorismus, Entführungen u.a. aufzeigen. Darüber hinaus sind Geschäftsreisende in Briefings auf Risiken vorzubereiten und Krisenmanagement oder Sicherheitsberater einzusetzen.

Sachbereich: C1 Krisenmanagement/Gefahrenabwehr - Handeln vor und in der Krise

Schlagwörter: Auslandsreisen, Entführung, Krisenmanagement


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