Boorberg Verlag

Bombendrohung: Entscheidung nur nach Notfallplan

08.01.2004

Bombendrohung: Entscheidung nur nach Notfallplan

I. Thematik

Auch die bei Bombendrohungen zu treffenden Maßnahmen orientieren sich in jedem Fall an den Notfallplänen des jeweiligen Unternehmens. Diese Pläne müssen in jedem Unternehmen fester Bestandteil eines Sicherheits- und Krisenmanagements sein. Zum Erstellen eines solchen Notfall-Konzeptes wird in der Regel von der Sicherheitsabteilung oder von externen Beratern eine Auditierung (Schwachstellenanalyse) durchgeführt. Für die dort erkannten Schwachstellen (Brandanschlag, Überfall, Flugzeugabsturz, Bombendrohung oder auch Entführung) werden dann präventiv Pläne entwickelt, die für bestimmte Bedrohungsszenarien ein bestimmtes Handeln vorsehen. Die Pläne werden auf unterschiedliche Situationen zugeschnitten, Verantwortlichkeiten klar abgegrenzt, die Eskalationsstufen definiert und den verschiedenen Handlungs- und Entscheidungsebenen konkrete Handlungshilfen- oder Anweisungen an die Hand geben. In allen größeren Unternehmen sind Notfallpläne fester Bestandteil des Sicherheits- und Krisenmanagements. Etwas anders sieht die Sache in mittelständischen Unternehmen aus, die Notfallpläne teilweise nur unvollständig oder gar nicht besitzen.

II. Inhalt von Notfallplänen

Notfallpläne für Bombendrohungen sollten enthalten:
  • Maßnahmen zur Prüfung der Ernsthaftigkeit der Drohung
  • Durchsuchungspläne
  • Evakuierungspläne
  • Verhaltensmaßregeln bei Auffindung eines verdächtigen Gegenstandes
In den meist standardisierten Notfallplänen ist der Informationsfluss genau geregelt und die Zuständigkeiten sind klar definiert. In der Regel wissen die jeweiligen Stellen genau, was bei welchem Szenario zu tun ist. Trifft also zum Beispiel eine Bombendrohung ein, sollte die entgegennehmende Stelle, in der Regel die Telefonzentrale oder das Sekretariat durch ein präventives Training auf diesen Fall vorbereitet sein.
Klar sein muss: Wie soll reagiert, welche Fragen sollen dem Anrufer gestellt werden.
Unmittelbar nach dem Gesprächseingang ist dann die Sicherheitsabteilung zu verständigen. Deren Aufgabe ist dann die Prüfung des Meldungseingangs auf Glaubhaftigkeit. Die Entscheidungsbefugnis, wie eine Drohung zu bewerten ist, sollte in der Notfall- und Krisenplanung geregelt sein. Ist ein Ernstfall nicht auszuschließen, werden normalerweise Spezialisten vom Bundesgrenzschutz oder von der Polizei hinzugezogen.

III. Bewertung von Drohanrufen

Anhaltspunkte für eine Bewertung von Drohanrufen:

Wann könnte ein Anschlag vorgetäuscht sein?
  • Der Täter macht einen verwirrten Eindruck am Telefon
  • Der Täter ist erkennbar alkoholisiert
  • Lautes Lachen bei Täteranruf im Hintergrund
  • Stimme ist erkennbar von einem kleinen Kind
  • Auf Nachfrage kann der Anrufer keinen Grund für seine Drohung nennen

Was lässt auf einen ernsten Hintergrund der Drohung schließen?
  • Der Täter klingt fest entschlossen
  • Der Täter gibt klare und deutliche Hinweise
  • Der Täter nennt exakten Grund für seine Drohungen
  • Der Täter macht exakte Angaben über die Beschaffenheit und Wirkungsweise seiner Bombe

Trotz einer unglaubwürdig erscheinenden Drohung kann die Tat dennoch nie gänzlich ausgeschlossen werden. Jeder sicherheitsrelevante Vorfall, also auch jede Bombendrohung, ist zunächst als Notfall zu behandeln und ernst zu nehmen.

IV. Gefährdung auch ohne Drohanruf

Die Sicherheitsmitarbeiter haben meist einige Erfahrung in der Behandlung allein stehender Behältnisse oder Gepäckstücke. Auf Flughäfen z.B. wird die erste Maßnahme immer sein, den rechtmäßigen Besitzer auf Grund der Aufkleber oder Namensangaben über die Fluglisten oder Adressenanhänger zu ermitteln. Falls keine Adressangaben vorhanden sind, ist erhöhte Vorsicht geboten. Das Gepäckstück kann dann von Spezialisten vor Ort untersucht werden oder es wird in einem "Implosionskoffer" an eine sichere Örtlichkeit verbracht, wo es geröntgt und dann geöffnet werden kann. Dies kann allerdings nur durch besonders ausgebildete und erfahrene Personen durchgeführt werden.

V. Ablaufszenarium

Im konkreten Fall, also einer Bombendrohung mit Fund eines verdächtigen Objektes könnte der Ablauf so aussehen:
  • Erste, kleinräumige Absperrung, je nach Fundort
  • Untersuchung des Objekts per Inaugenscheinnahme
  • Hinzuziehen eines Sprengstoffhunds
  • Bewertung der Gesamtumstände (Adressaufkleber, Fund und gleichzeitiger Eingang einer Bombendrohung)
  • Ist ein Spezialist für die Untersuchung vor Ort vorhanden?
  • Bewertung der Gefährdung
  • Entscheidung über Ausmaß der Absperrung bzw. Räumung
  • Entscheidung, ob für weitere Untersuchung oder Entschärfung das Objekt in einen Implosionsbehälter verbracht werden kann
  • In Flughäfen gibt es Örtlichkeiten für die Aufbewahrung derartiger Objekte, wo sie ohne Gefährdung Dritter geöffnet werden können
  • Wenn das Objekt nicht bewegt werden kann, findet die Untersuchung/Entschärfung vor Ort mit eventueller Teil- oder Komplettevakuierung statt.

Oft ist zuerst das eigene Sicherheitspersonal vor Ort. Die Qualität der Einschätzung der Lage hängt hier vom Ausbildungsstand ab. In der Regel sollten durch Streifenpersonal nur die Absperrung und Verständigung von Spezialisten veranlasst werden. Bei den hinzuzuziehenden Spezialisten handelt es sich in der Regel um Experten aus Polizei, Bundesgrenzschutz oder Bundeswehr. Es sind meist Sondergruppen, die aus Sprengmeistern bestehen. Um sie zu erreichen, sollten Notfalldatenbanken als Anlage in den Notfallplänen des Unternehmens enthalten sein und regelmäßig aktualisiert werden. Konkrete und weitere Handlungsanweisungen für das Sicherheitspersonal sind in den Arbeits- oder Dienstanweisungen festgelegt.

Weitere Fachspezialisten werden je nach Lage hinzugezogen. So werden bei Geiselnahmen oder Erpressungen zusätzlich Psychologen zur Analyse und zur Verhandlungsunterstützung mit den Tätern benötigt. Falls eine Sprachaufzeichnung des Drohanrufs gemacht wurde, können entsprechende Experten auch hieraus weitere Schlüsse ziehen.

Bei Bombendrohungen handelt es sich um ein Vergehen nach § 126 Abs. 6 StGB (Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten). Des weiteren steht nach § 311 Abs. 1 StGB das Verbrechen "Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion" beziehungsweise die "Versuchshandlung" im Raum. Sowohl bei Verbrechen, als auch bei Vergehen ist die Polizei auf Grund des Legalitätsprinzips gesetzlich verpflichtet hier einzuschreiten und die Verantwortung zu übernehmen. Dennoch wird sie in der Praxis die Frage einer Evakuierung eng mit Vertretern der jeweiligen Unternehmen abstimmen, da diese logistisch Hilfe leisten müssen.

Im öffentlichen Raum ist die Entscheidungsverantwortung noch eindeutiger: So ist der Bundesgrenzschutz beispielsweise für Flughäfen und Bahnhöfen verantwortlich - Schulen, Verwaltungen und sonstiger öffentlicher Raum liegen dagegen in der Verantwortung der Polizei.

Generell lässt sich keine Aussage treffen, welche Entscheidung bei Bombendrohungen oder dem Auffinden von Gegenständen, die möglicherweise eine Bombe enthalten, getroffen werden. Es handelt sich je nach Gefährdung um individuelle Entscheidungen - immer unter der Prämisse Menschenleben nicht zu gefährden und Sachschäden zu vermeiden. Eine Evakuierung ist immer dann angemessen und unabdingbar, wenn der Entscheidungsträger eine ernst zu nehmende Gefahr für Leib oder Leben oder für bedeutende Sachwerte sieht.

Zumindest in einigen Fällen können die mit einer Evakuierung oder einer folgenden Betriebsunterbrechung verbundenen Kosten auch über eine Police eines Kidnap & Ransom-Versicherers gedeckt werden. Ob und in welchem Umfang dies möglich wird, ist in der Regel Verhandlungssache und meist Gegenstand von Zusatz-Policen. In der Regel ist Voraussetzung, dass eine Bombendrohung Teil einer Erpressung ist, die mit Geld- oder geldgleichen Forderungen verbunden ist. Die Schäden aus einer Betriebsunterbrechung, etwa eines Produktionsstopps oder durch Sperrung von Betriebsteilen, die durch die Drohung ausgelöst werden, sind meist nur dann gedeckt, wenn die Unterbrechung länger als 24 Stunden dauert. Zudem wählen die Versicherer die Risiken sehr genau aus. Materielle Schäden, wie jene, die bei der Bombendrohung am Düsseldorfer Flughafen entstanden, sind nach diesen Vorgaben wohl nicht versicherbar.

Ohne Versicherung bleibt den Unternehmen bei Bombendrohungen dann nur die Möglichkeit, einen - meist nur kleinen - Teil ihrer Schäden über zivilrechtliche Forderungen einzutreiben. Um so wichtiger ist es, sich auf Drohanrufe vorzubereiten. Dazu gehören Gesprächsaufzeichnung und die Vorbereitung und Übung gezielter Fragen, deren Beantwortung eine Bewertung der Ernsthaftigkeit zulässt und dazu beiträgt, den laufenden Betrieb eines Unternehmens durch Sicherheitsmaßnahmen in möglichst begrenztem Umfang zu beeinträchtigen.

Autor: Walfried O. Sauer

Die Motive für Bombendrohungen sind vielfältig. Sie können aus Hass, Neid, Frust oder Rachegedanken entstehen. Die Verantwortlichen müssen dabei die ganze Bandbreite von möglichen Folgen berücksichtigen, vom "Unfug" bis hin zum realen, terroristischen Anschlag. Das jüngste Beispiel einer Bombendrohung am Düsseldorfer Flughafen zeigt, wie schwer die Lage einzuschätzen ist. Grundlage für alle Handlungen und Bewertungen muss jeweils ein Notfallplan sein.

Sachbereich: C2 Krisenmanagement/Gefahrenabwehr - Betriebliche Gefahrenabwehr

Schlagwörter: Bombendrohung, Notfallplan, Drohanrufe


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